[ich gehe durch verwirrte, lärmgefüllte Gassen]

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Max Dauthendey: [ich gehe durch verwirrte, lärmgefüllte Gassen] (1892)

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Ich gehe durch verwirrte, lärmgefüllte Gassen
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Ratlos hin, zurück, und trete in ein unbekanntes Haus.
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Durch Korridore, Türen, Zimmer finde öden Weg
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Und komme in den alten, hohen Büchersaal,
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Still, weltfern lebte hier nur sanfter Staub,
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Geistesabwesend schien das Saalgesicht.
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An allen Wänden standen weiße Schränke.
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Ich will die Bücher sehen,
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Ich öffne von den stillen Schränken einen,
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Es stehen große dunkle Herzen in Regalen,
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Herzen wie Menschen groß und mumienhaft gedorrt.
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Ich wußte nur noch, daß ich lesen wollte,
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Ich lege mir ein Herz auf einen Tisch, und es bricht auf.
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Es war verstaubtes, altes Blut darin.
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Älter und stiller wurde es im Saal.
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Es ist aus jenem Herzen jemand eingetreten.
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Die Schränke an den Wänden stehen alle offen,
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Und vor mir dichte Reihen dunkler Herzen.
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Die Luft wuchs eng, unsichtbar füllen Menschen dicht den Saal.
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Ich sehne mich hinaus, dort an der Türe sitzt ein Mensch, gelb und verdorrt,
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Ohne Iris und Pupillen sieht er mich wartend an.
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Vergrämt und einsam sieht er aus
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Und war Jahrhunderte allein.
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Er sieht mich wartend an mit leeren Augen.
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Ich komme fast erwürgt an ihm vorbei.
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Dann, als ich Haus und Straße längst verlor,
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Erst weit fort, wußte ich, das war der Mensch,
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Des Herz ich brach.
29
Er wollte einzig eine Träne nur, und alle Herzen wollten eine Träne,
30
Sie alle warten seit Jahrhunderten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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