Ein Märchen

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Max Dauthendey: Ein Märchen (1892)

1
Wollt ihr ein Märchen erlauschen?
2
Ein Märchen? – Ich weiß eines.

3
O so wunderbar fein, so zart.
4
Wollt' ich's in Laute, in Töne gestalten,
5
Wäre jeder Laut, jeder Ton zu lauttönend.

6
Vorsicht! Behutsam!
7
Denkt leise!

8
Sonnenfunken – goldner Hauch –
9
Löscht ihn nicht – leise! leise!

10
Ein Garten, eine Gestalt – ein Mädchen.
11
Rings auf zitternden Schwingen Farben und Düfte,
12
Und mein Mädchen mitten in Farbe und Duft.
13
Schwarzgrüne Büsche stumm, atemstockend,
14
Und darunter Blütenherzen,
15
Wildrote pochende Herzen,
16
Pochend in hast'gem Genießen.

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Sie singt.
18
Ihre Träume sind ihre Lieder.

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Weiße Astern,
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Blendende Astern,
21
Wie sie sich wiegen.
22
Und der Garten singt
23
Und die Büsche,
24
Alles, alles singt in Farben und Düften.

25
Starrst du auf Rosen,
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Nimm dich in acht.
27
Rosen sengen, brennen,
28
Weißt du das!
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Sie weiß nichts.
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Ahnte sie nur die Glut,
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Müßte sie zitternd erglühn.

32
Aber Flammen wärmen,
33
Und Wärme weckt Flammen.
34
O berühre nicht! – Fort! – Flieh!
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O berühre sie nicht!

36
Zu spät!
37
Erschrick nicht, rette,
38
Rette aus Flammen den Duft.

39
Angstfahle Blässe knirscht,
40
Aber Reue zermalmt nicht.
41
Auf weißen Astern schwarze Erde.
42
Warum schwarze Erde?
43
Warum nicht der Tod?

44
Erde ist Leben.

45
Auf weißen Astern schwarze Erde. –
46
Das ist mein Märchen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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