Ich mußte gleich zum Strand

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Ernst Stadler: Ich mußte gleich zum Strand Titel entspricht 1. Vers(1898)

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Ich mußte gleich zum Strand.
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In meinem Blute scholl
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Schon Meer. O schon den ganzen Tag. Und jetzt die Fahrt
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im gelbumwitterten Vorfrühlingsabend. Rastlos schwoll
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Es auf und reckte sich in einer jähen frevelhaften Süße,
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wie im Spiel
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Sich Geigen nach den süßen Himmelswiesen recken.
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Dunkel lag der Kai. Nachtwinde wehten. Regen fiel ...
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Die Böschung abwärts ... durch den Sand ... zu dir,
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du Flut und Wollust schwemmende Musik,
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Du treibend Glück, du Orgellied, bräutlicher Chor!
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Zu meinen Füßen
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Knirschen die Muscheln ... weicher Sand ...
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wie Seidenmatten weich ... ich will dich grüßen,
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Du lang Entbehrtes! O der Salzgeschmack,
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wenn ich die Hände, die der Schaum bespritzte,
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an die Lippen hebe ...
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Viel Dunkles fällt. Es springen Riegel. Bilder steigen.
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Um mich wird es rein. Ich schwebe
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Durch Felder tiefer Bläue.
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Viele Tag' und Nächte bauen
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Sich vor mich hin wie Träume. Fern Verschollnes.
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Fahrten übers Meer, durch Sternennächte.
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Durch die Nebel. Morgengrauen
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Bei Dover ... blaues Geisterlicht um Burg
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und Shakespeare's Cliff, die sich der Nacht entraffen,
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Und blaß gekerbte Kreidefelsen, die wie Kiefer
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eines toten Ungeheuers klaffen.
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Sternhelle Nacht weit draußen auf der Landungsbrücke,
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wo die Wellen
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Wie vom Herzfeuer ihrer Sehnsucht angezündet,
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Funken schleudernd, an den braunen Bohlen
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sich zerschellen.
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Und blauer Sommer: Sand und Kinder. Bunte Wimpel.
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Sonne überm Meer,
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das blüht und grünt wie eine Frühlingsau.
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Und Wanderungen, fern an Englands Strand,
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mit der geliebten Frau.
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Und Mitternacht im Hafen von Southampton:
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schwer verhängte Nacht,
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darin wie Blut das Feuer der Kamine loht,
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Und auf dem Schiff der Vater ...
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langsam bricht es in das Schwarz, nach Frankreich zu ...
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und wenig Monde später war er tot ...
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Und immer diese endlos hingestreckten Horizonte.
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Immer dies Getön:
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frohlockender und kämpfender Choral –
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Du jedem Traum verschwistert!
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Du in jeder Lust und jeder Qual!
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Du Tröstendes! Du Sehnsucht Zeugendes!
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In dir verklärt
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Sich jeder Wunsch, der in die Himmel
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meiner Schicksalsfernen fährt,
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Und jedes Herzensheimweh nach der Frau,
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die jetzt im hingewühlten Bette liegt
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Und leidet, und zu der mein Blut wie eine Möwe,
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heftige Flügel schlagend, fliegt.
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Du Hingesenktes, Schlummertiefes!
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Horch, dein Atem sänftigt meines Herzens Schlag!
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Du Sturm, du Schrei,
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aufreißend Hornsignal zum Kampf,
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du trägst auf weißen Rossen mich zu Tat und Tag!
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Du Rastendes!
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Du feierlich Bewegtes, Nacktes, Ewiges!
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Du hältst die Hut
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Über mein Leben, das im Schachte
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deines Mutterschoßes eingebettet ruht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Stadler
(18831914)

* 11.08.1883 in Colmar, † 30.10.1914 in Ypern

männlich, geb. Stadler

elsässischer Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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