Die Uhren schlagen sieben

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Ernst Stadler: Die Uhren schlagen sieben Titel entspricht 1. Vers(1898)

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Die Uhren schlagen sieben.
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Nun gehen überall in der Stadt die Geschäfte aus.
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Aus schon umdunkelten Hausfluren,
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durch enge Winkelhöfe aus protzigen Hallen drängen
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sich die Verkäuferinnen heraus.
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Noch ein wenig blind und wie betäubt
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vom langen Eingeschlossensein
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Treten sie, leise erregt, in die wollüstige Helle
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und die sanfte Offenheit des Sommerabends ein.
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Griesgrämige Straßenzüge leuchten auf und schlagen
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mit einem Male helleren Takt,
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Alle Trottoirs sind eng mit bunten Blusen
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und Mädchengelächter vollgepackt.
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Wie ein See, durch den das starke Treiben
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eines jungen Flusses wühlt,
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Ist die ganze Stadt von Jugend
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und Heimkehr überspült.
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Zwischen die gleichgiltigen Gesichter
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der Vorübergehenden
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ist ein vielfältiges Schicksal gestellt –
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Die Erregung jungen Lebens,
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vom Feuer dieser Abendstunde überhellt,
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In deren Süße alles Dunkle sich verklärt
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und alles Schwere schmilzt, als wär es leicht und frei,
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Und als warte nicht schon,
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durch wenig Stunden getrennt, das triste Einerlei
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Der täglichen Frohn – als warte nicht Heimkehr,
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Gewinkel schmutziger Vorstadthäuser,
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zwischen nackte Mietskasernen gekeilt,
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Karges Mahl, Beklommenheit der Familienstube
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und die enge Nachtkammer,
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mit den kleinen Geschwistern geteilt,
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Und kurzer Schlaf, den schon die erste Frühe
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aus dem Goldland der Träume hetzt –
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All das ist jetzt ganz weit – von Abend zugedeckt –
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und doch schon da, und wartend wie ein böses Tier,
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das sich zur Beute niedersetzt,
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Und selbst die Glücklichsten,
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die leicht mit schlankem Schritt
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Am Arm des Liebsten tänzeln,
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tragen in der Einsamkeit der Augen
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einen fernen Schatten mit.
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Und manchmal, wenn von ungefähr der Blick
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der Mädchen im Gespräch zu Boden fällt,
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Geschieht es, daß ein Schreckgesicht mit höhnischer
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Grimasse ihrer Fröhlichkeit den Weg verstellt.
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Dann schmiegen sie sich enger, und die Hand erzittert,
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die den Arm des Freundes greift,
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Als stände schon das Alter hinter ihnen,
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das ihr Leben dem Verlöschen in der Dunkelheit
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entgegenschleift.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Stadler
(18831914)

* 11.08.1883 in Colmar, † 30.10.1914 in Ypern

männlich, geb. Stadler

elsässischer Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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