Ich stand in Nacht. Ich rang versteinert

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Ernst Stadler: Ich stand in Nacht. Ich rang versteinert Titel entspricht 1. Vers(1898)

1
Ich stand in Nacht. Ich rang versteinert.
2
Fand in Wüsten irrend deine Seele nicht.
3
Die Wege lagen endlos mir verschüttet,
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die zu deiner Schwelle liefen.
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Ich war ganz fern. Du sprachst zu mir.
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Ich stand mit abgewandtem Herzen und Gesicht.
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Wie Sterbeglocken rauschten mir die Worte,
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die mich zu dir riefen.
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Ich lauschte dumpf der Stimme.
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Wie erstarrt. Sie kam
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Aus Fernen: still; demütig, aber fest;
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nachtwandelnd und im Glanze ihres Schicksals,
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und sie drang in meinen Traum.
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Da war's, daß in mein Herz das Wunder brach.
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Ich wachte auf. In jäher Scham
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Sah ich mich selbst. Sah deine Seele, wie sie stumm,
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mit schweren Lidern, vor mir stand,
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Nackend. Sah ihre lange Qual,
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und wie sie durch die vielen, vielen Nächte
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Mich so gesucht, die Augen still in mich gekehrt,
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und mich doch nimmer fand,
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Indes ich blind
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in wilden Zonen irrte
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Und meines Herzens Heimwehruf
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verbannte.
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Sah, wie ihr reiner Spiegel
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sich mit Dunkel wirrte,
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Und jäh gereckt die Gier,
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wie sie sich selbst zum Opfer brächte,
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Grausam, im eignen Blut die Qualen löschend,
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und mit Weh ihr Weh ertöte,
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Im Opfer ihres Leibes. Und ich sah dich bleich,
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mit nackten Füßen auf dem Büßerberg
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und über deiner Brust die Röte
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Der Wunden, die ich dir geschlagen.
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Sah dich matt und bloß
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Und schwach.
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Doch über Nacht und Leid
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Strahlte dein heiliges Herz. Ich sah den Glorienschein,
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der jählings über deinem Scheitel brannte
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Und mich begoß.
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Oh, immer will ich stehn und schauen, schauen
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Und warten, du Geliebte,
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daß dein Antlitz mir ein Lächeln schenke.
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Ich weiß, ich hab an dir gesündigt.
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Sieh, ich will dein Kleid
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Bloß fassen, so wie Mütter tun mit kranken Kindern
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vor dem Bild der lieben Frauen –
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Nur lächle wieder,
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du, in deren Schoß
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Ich wie in klares Wasser
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meines Lebens dunkles Opfer senke.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Stadler
(18831914)

* 11.08.1883 in Colmar, † 30.10.1914 in Ypern

männlich, geb. Stadler

elsässischer Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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