Mein Gott, ich suche dich

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Ernst Stadler: Mein Gott, ich suche dich Titel entspricht 1. Vers(1898)

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Mein Gott, ich suche dich.
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Sieh mich vor deiner Schwelle knien
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Und Einlaß betteln.
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Sieh, ich bin verirrt, mich reißen tausend Wege
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fort ins Blinde,
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Und keiner trägt mich heim.
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Laß mich in deiner Gärten Obdach fliehn,
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Daß sich in ihrer Mittagsstille
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mein versprengtes Leben wiederfinde.
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Ich bin nur stets
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den bunten Lichtern nachgerannt,
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Nach Wundern gierend, bis mir Leben,
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Wunsch und Ziel in Nacht verschwanden.
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Nun graut der Tag. Nun fragt mein Herz
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in seiner Taten Kerker eingespannt
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Voll Angst den Sinn
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der wirren und verbrausten Stunden.
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Und keine Antwort kommt.
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Ich fühle, was mein Bord an letzten Frachten trägt,
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In Wetterstürmen
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ziellos durch die Meere schwanken,
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Und das im Morgen kühn und fahrtenfroh sich wiegte,
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meines Lebens Schiff zerschlägt
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An dem Magnetberg eines irren Schicksals
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seine Planken. –

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Still, Seele! Kennst du deine eigne Heimat nicht?
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Sieh doch: du bist in dir. Das ungewisse Licht,
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Das dich verwirrte, war die ewige Lampe,
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die vor deines Lebens Altar brennt.
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Was zitterst du im Dunkel?
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Bist du selber nicht das Instrument,
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Darin der Aufruhr aller Töne
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sich zu hochzeitlichem Reigen schlingt?
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Hörst du die Kinderstimme nicht,
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die aus der Tiefe leise dir entgegensingt?
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Fühlst nicht das reine Auge,
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das sich über deiner Nächte wildste beugt –
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O Brunnen, der aus gleichen Eutern trüb
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und klare Quellen säugt,
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Windrose deines Schicksals,
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Sturm, Gewitternacht und sanftes Meer,
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Dir selber alles:
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Fegefeuer, Himmelfahrt und ewige Wiederkehr –
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Sieh doch, dein letzter Wunsch,
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nach dem dein Leben heiße Hände ausgereckt,
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Stand schimmernd schon
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am Himmel deiner frühsten Sehnsucht aufgesteckt.
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Dein Schmerz und deine Lust lag immer schon
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in dir verschlossen wie in einem Schrein,
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Und nichts, was jemals war und wird,
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das nicht schon immer dein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Stadler
(18831914)

* 11.08.1883 in Colmar, † 30.10.1914 in Ypern

männlich, geb. Stadler

elsässischer Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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