Du warst nackte Eva im Paradies

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Ernst Stadler: Du warst nackte Eva im Paradies Titel entspricht 1. Vers(1898)

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Du warst nackte Eva im Paradies,
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blank, windumspielt und ohne Scham.
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Du wuchsest mit den Früchten und Tieren.
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Der Morgen nahm
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Dich aus dem Arm der Nacht,
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und Abend bettete dich weich
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Zur mütterlichen Erde. Du warst wild und schön.
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Du warst den Tieren gleich.
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Warst Rauschen grüner Wipfel.
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Warst Krume des Bodens, der dich trug.
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Dein Schicksal klopfte mit dem Blut,
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das leicht und stark durch deine Adern schlug.

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Aber dann kamen sie mit
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Netzen und Zangen
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Und haben dich
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eingefangen.
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Und wollten
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von ihren schlechten Säften
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In dich verspritzen,
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dein Raubtierblut zu entkräften.
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Du hast sie abgeschüttelt.
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Aber eine große Traurigkeit
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Kam über dich und schwamm in deinen Blicken,
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die die Herrlichkeit
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Noch hielten jener schweigend jungen Schöpfungslust.
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Du trugst
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Die Ketten, die sie dir geschmiedet.
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Schlugst
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Sie nicht zu Boden, da sie dich in ihre Zellen schlossen.
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Spiest ihnen nicht,
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Da sie den Schacherpreis betasteten,
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ins schmatzende Gesicht.
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Du kauertest vor deinem Weh
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und horchtest auf der Sterne Lauf ...
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Aber immer noch stürzt dein Blut,
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wie heftige Strömung, ab und auf,
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Und deine Augen, wie zwei ruhelose Tiere schweifen
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In die Welt hinaus und greifen
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Ins Gewühl, als wollten sie das Schicksal packen,
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Und dein schwarzes Haar schlägt herrisch dir im Nacken,
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Eine windentrollte Fahne, die zum Sturme weht –
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Auf! Reiße dich empor! Die Barrikade steht!
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Der Himmel ist von tausend Freiheitsfackeln aufgehellt –
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Brich aus, Raubtier,
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Stürme an ihren erstarrten Reihen,
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Aufgerissnen Mäulern, schreckerstickten Schreien
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Vorbei
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In deine Welt!
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Brich aus, Raubtier!
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Brich aus!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Stadler
(18831914)

* 11.08.1883 in Colmar, † 30.10.1914 in Ypern

männlich, geb. Stadler

elsässischer Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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