Gethsemane

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Ernst Stadler: Gethsemane (1898)

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Um die Stunde war's,
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Da die heilige Stille der Mitternacht
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Auftaucht vom Meer und segnend über Welten fährt.
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Jäh durch die Palmen schritt das Todesgrauen,
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Urweltenweh
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Rang auf zum Firmament.
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Schwer hing der Himmel –
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Nacht ... Tod ... In tiefem Schlaf die Jünger ...
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Und wilde, brennendwilde Einsamkeit ...
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Aufschluchzend schlägt er auf die Wurzelknorren,
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Weint in die Nacht,
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Die lächelnd über's Haupt die Schleier hebt.
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Ein sengend Leuchten durch die Dämmernebel:
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Die Sonne.

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Von Glockenstühlen sprang sie rot in graue Türme,
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Fiel stäubend in die Kuppeln, flutete
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In wildem Quellen durch die schlanken Stämme,
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Wegspuren zeichnend roten Flammengoldes.
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Vom Boden weg
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Sah Christus – blickte
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Mit fremden Augen in die schäumende Morgenglut,
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Und wie ein Wecken klang's ihm durch die Brust,
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Das uralt junge Schöpferlied des Lichts:
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Posaunen trugen ehern es empor
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Und alle Geigen fielen flimmernd ein
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In brausenden Bogenstrichen,
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Vögel jauchzten,
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Und Morgenglocken wehten von den Türmen
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Jerusalems herauf, einrauschend in
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Die breiten Takte, die
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Im Werdelied des Tags die Welt durchfurchten.
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Nieder fiel Christus, starrte
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Hinunter auf die rote Stadt, die
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In tausend Türmen tausend Fackeln fachte,
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Und zur Sonne auf,
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Zur ewig göttlichen jauchzte sein Mund:
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»o sterben, sterben, Gott! ... In Meere will
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Ich tauchen purpurüberrauscht,
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In Licht zerfließen, ganz in Duft mich lösen,
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Als Welle wehen in des Weltalls Strom.
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Denn nun
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Ward mir der Welten letzter, tiefster Sinn.
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Aus deiner Sonne Morgenaugen las ich ihn. –

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O sterben, sterben, Gott! ... Doch wie
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Der Schiffer, dem
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Die Brandung in des Nachens Rippen brach,
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Flutenumdröhnt
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Der Zukunft goldverbrämtes Eiland grüßt:
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So grüß ich euch, Schlummernde, Ungeborne –
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Aus harter Nacht ein junges Sonnenvolk.
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Denn also lehrte mich dein Schöpfertag:
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Glut quillt aus Asche, Leben sprüht aus Tod,
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Aus tiefsten Nächten dämmern neue Morgenröten.«

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Und gehobnen Blicks
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Schritt seinen Häschern er durchs Licht entgegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Stadler
(18831914)

* 11.08.1883 in Colmar, † 30.10.1914 in Ypern

männlich, geb. Stadler

elsässischer Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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