Baldur-Christus

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Ernst Stadler: Baldur-Christus (1898)

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Und wieder ward der zeugende Tropfen Bluts
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aus Baldurs Wundenmalen
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Zu roter Blüte erlöst in der Seele eines Menschen.
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Das war, als der südliche Mittag mit glühenden Lippen
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Verdurstend an den Steppen sog von Palästina.
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Heiß gärte ihr Blut, und von der trocknen Straße stieg
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Ein Feueratem auf
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Und wirbelte in braunen Flocken
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Um sonnverbrannte, staubstarrende Gesichter,
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Als sie ihn zum ersten Male sahen.
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Der Sommerwind riß gierig Jubelrufe
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Von ihrem Mund und schleifte sie die Gassen lang:
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»hosianna! Hosianna!«
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Palmen schwankten und bunte Tücher,
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Und ein Leuchten floß
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Von ihm in alle Seelen
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Und jauchzte durch die Welt ...

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Und es sank der Mittag hin, und das Lied verschwamm
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In blauem Dämmern, das von den Bergen niederrollte.
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Abendgluten rankten sich um Marmorsäulen,
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Bluteten auf den weißgebauschten Mantel, zuckten
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Um wutverzerrte, bleiche Züge,
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Um geballte Fäuste,
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Die sich empor warfen zur Terrasse, wo
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Er träumend über ihre Häupter weg
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Den Tag ins blaue Meer verklingen sah –
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»kreuzige ihn! Kreuzige ihn!«
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Dumpfes Hämmern durch das schwüle Zwielicht.
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Glühend starrt die Gier.
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Die rostigen Nägel beißen sich ins Fleisch.
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Die Sehnen springen.
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Dampfend quillt das Blut.
33
Ein Wimmern stirbt
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Im trunknen Reigen, der von Blut und Gier berauscht
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Das Kreuz umrast:
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»hilf dir, König der Juden!«

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Und der Sturm stöhnt auf.
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Schreiend verstiebt der Schwarm.
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Falbe Blitze stechen nieder,
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Rasen durch die Straßen der Stadt,
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Die wie von schwarzer Asche verschüttet starrt,
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Fern verdröhnend ...
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Dann weicher Regen ...
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Atmende Stille ...
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Die Palmen schauern sich
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Den Rieseltau von feuchten Blättern.
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Ein Windstoß reißt die Wolken auseinander ...
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Aus grauen Nebeln weiß
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Der Mond.
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Ein bleiches Leuchten rieselt
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den schwarzen Stamm hinab,
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Der jäh sich aufreckt in die Nacht auf Golgatha.
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Zittert auf geschlossnen Lidern
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Und fahlen Wangen, über die
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Vom Dornkranz, der mit Raubtierpranken
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Sich tief ins Fleisch gekrallt,
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Ein dünnes Rot hinsickert ...
58
Dann wieder Nacht.
59
Und wieder stöhnt der Sturm ...
60
Schwer sinkt ein schlaffes Haupt zur Brust herab.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Stadler
(18831914)

* 11.08.1883 in Colmar, † 30.10.1914 in Ypern

männlich, geb. Stadler

elsässischer Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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