Aus heiligen Grotten, wo sie sich barg

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Ernst Stadler: Aus heiligen Grotten, wo sie sich barg Titel entspricht 1. Vers(1898)

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Aus heiligen Grotten, wo sie sich barg
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vor dem grellen Rauschen des Tages,
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kam leise die Nacht.
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Schweigend blickt sie um sich mit den
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sehnsuchtsstillen Augen, in deren dämmernde Tiefen
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du tauchst wie in des ewigen Meeres
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verschwimmende, dunkle Fernen.
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Scheu flieht vor ihrem milden Glanze
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der harte Tag.
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Langsam gleitet sie und schweigend heran,
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und kaum zittern die weiten Falten des
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dunklen Gewandes, das lang wallend sie umschmiegt.
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Näher schwebt sie,
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und atemlos harrend lauschen Wälder und Wiesen.
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Denn ein Gottesdienst ist ihr Kommen,
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ein Gebet, keusch und mild und voll Inbrunst.
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Wehe über euch, Menschen,
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die ihr nimmer sehet, was Hohes sich über euch neigt!
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Wehe über euch,
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die ihr hinwegstampft über den Einzug der Nacht
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und hohnlächelt über ihr Evangelium
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wie über den Gott von Nazareth!
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Wehe über euch, die ihr Schutz sucht
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vor dem gellenden Schrei des Gewissens
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hinter verschlossenen Fenstern!
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Aber euch grüße ich, andachtsvolle Schwärmer,
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die ihr nicht wachet, noch schlafet, sondern hinträumet
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und lauschet den leisen Stimmen der Nacht ...
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Die ihr lauschet gleich der zitternden Natur,
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die glühend den Atem verhält, daß sie höre,
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was träumenden Mundes die Herrscherin singt:
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»siehe, ich kam, gezogen von fernen Inseln,
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wo ich ruhte in tiefen, dunklen Grotten.
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Siehe, ich kam, und wie ich auswarf die seidenen,
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weichen Seile über die Blütenbüsche und hinschmiegte
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durchsichtige Schleier auf Fels und Gras,
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da floh vor mir der Tag.
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Weiche Harfenlieder entwuchsen meinem stillen Schreiten
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und überschwollen sanft sein rauhes Brüllen.
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Siehe, ich kam, und Blumen streutet ihr mir auf den Pfad,
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duftende Blumen glühender Erwartung.
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Aber die, denen ich ganz mich schenken wollte,
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denen ich künden wollte ewige Milde und Schöne,
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sie verkrochen sich vor mir.
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Ich sah sie an:
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Sie achteten nicht der klärenden Sehnsucht,
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die wie ferner Glockenklang mir aus dem Auge brach.
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Ich sang zu ihnen:
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Sie hörten nicht meine Stimme, die lösende ...
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In starrem Schlafe liegen sie.
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Aber von ihrem harten Lager weichen nicht
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die grauverhüllten Weiber,
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die Dienerinnen des Tages ...
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Ihr Atem versengt sie, ihr Blick verzehrt sie.
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Eine eiserne Kette schließen sie um ihre Ruhestätte
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und wehren mir, zu ihnen zu treten,
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daß ich sie tröste und sänftige ...
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Ihr aber, Fels und Moor, Baum und Berg,
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Blumen und Haide ...
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Und du, still träumende Dichterin unter den Vögeln:
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Nehmet, nehmet hin meiner Seele tiefinnerstes Wogen.
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Siehe, der Mond sprüht über euch
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bleichen, süßen Tau der Stille ...
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Siehe, vor euch ausgegossen liegt
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schimmernde Schönheit ...
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Trinket, o trinket der überquellenden Fülle!«
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Raunen und Rauschen wandert über die Welt. Über Fels
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und Moor, Baum und Berg, Blumen und Haide.
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Eine aber kann's nicht länger bergen.
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Die Nachtigall.
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Aufjauchzen muß sie.
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Aller Welt künden hehrsten Glückes Überschwang.
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Jauchzen entquillt ihr –
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aber es schluchzt hervor wie zehrendes Klagen.
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Wie das höchste Glück Thränen erpreßt, und reinste
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Schönheit einhaucht den Atem süßester Wehmut.
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Und sie klagt ...
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Klagt und lauscht und klagt wieder ...

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Sank ich dämmernd nieder dir zu Füßen, milde Königin?
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Wache ich, oder legtest leise du deine Hand mir aufs Auge
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und löstest sanft die Spangen schwerenden Sinnens,
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daß ich lächelnd hingleite durch die stillen Gewässer
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des Traumes?
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Ich weiß es nicht. –
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Aber schmeichelnd wie junger Lenzwind
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flüstert mir ins Ohr deine Stimme
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und das schluchzende Jauchzen der Nachtigall ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Stadler
(18831914)

* 11.08.1883 in Colmar, † 30.10.1914 in Ypern

männlich, geb. Stadler

elsässischer Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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