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O du brausende Sturmnacht,
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Die du über der erbebenden Herbsthaide
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Dein jauchzendes Lied geigst,
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Kraft will ich mir trinken an deinen strömenden Quellen,
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Jungfrische Kraft zu nimmer verlodernder Leidenschaft!
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Wie das gellt und flammt und rauscht! ...
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War's nicht mein Name, der aus Nacht und Sturm
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Wildlockend zu mir drang?
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Du rufst ... Ich komme ... Hinaus!
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Lachend preßt mich der Sturm in die feuchten Arme,
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Doch ich reiße mich los und stürme weiter,
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Die Höhe empor, bis die Lichter der Stadt untertauchen
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In den Fluten der Nacht ...
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Hei! Hexentanz auf sturmgepeitschter Haide!
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Blaue Flammen zucken über windzerriss'ne weiße Mäntel,
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Die im Tanze flattern zum Liede des Sturms!
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Und dazwischen Johlen und Jauchzen,
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Grell und tausendstimmig ...
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Da – plötzlich wird's still: Schweigen verzittert
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Und dann: Flammender Lichtschein vom Walde her,
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Hufschlag dröhnt, Raben rauschen,
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Still und ernst kommt er geritten,
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Das eine Auge vom Hut beschattet.
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Das er hin gab heiliger Weisheit zum Pfande,
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Er, der Gott einst war, als noch ein Volk
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Trotzigen, sonnigen Jugendmutes voll durch Wälder jagte,
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Er, der Allwisser, der wissend kämpfte
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Und hinsank aus Walhalls rauchender Flammenflut,
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Er, der Treue Hüter, dem sein Volk die Treue brach
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Um eines fremden Gottes willen ...
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Jetzt trifft mich sein Auge,
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Dies Auge voll flammend-ungemess'ner Kraft,
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Das doch so mild-gütig blicken kann
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Wie tauender Mondschein,
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Und ich stürze hin und umklammere sein Knie,
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»der du selber ungezügelt trotzige Kraft bist,
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Wahr' mich vor Unkraft!
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Sieh'! Ich kann ja nicht sprechen,
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Meine Gedanken schäumen auf
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Wie des Wildbachs braune Flut –
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Kann nicht sprechen; aber du, der du einst
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Gleichen Kampf kämpftest,
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Mußt mich verstehen und mußt mich schützen
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Vor denen dort unten ...«
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Eine Hand auf meinem Haupt.
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Und plötzlich bäumt sich ein Roß mir unter den Schenkeln,
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Peitschen gellen, Lichter wirbeln auf und schrille Rufe,
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Und durch die zitternde Nacht prasselt das Heer
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Wie lodernde Glut in verdorrte Zweige,
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Stämme splitternd und wilde Chöre hinströmend
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Hei, Leben! Nun erst spür' ich, nun halt' ich dich erst:
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Jauchzend umklamm'r ich deine schwellenden Brüste
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In ewig unlöslicher Umarmung,
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Brausendes Leben, wildschöne Braut!
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Ein Taumel faßt mich, meine Sinne schwinden,
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Und ich fühle nur Eins noch:
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Entzücken ... Seligkeit ...
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Umsonst, daß an deiner Seite ich durch die Sturmnacht fuhr,
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Umsonst, daß dein Feueratem mich durchdrang?
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Ein Zeichen fleh' ich, gieb mir ein Zeichen, Gottheit!
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Hin gesunken bin ich in's morgenjunge Gras,
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Und die Hände falten sich zu wildem Beten ...
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Da – plötzlich rauscht's über mir:
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Zwei Raben flattern auf,
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Kreisen langsam mir über dem Haupt und verschwinden
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Da sink' ich in die Kniee, und all mein Trotz
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Schmilzt hin in heißen Dankesthränen.
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Dann richt' ich mich auf und leuchtenden Auges
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Steig' ich hinab zu den Menschen, meinen Brüdern ...