Auf den Rücken geschnallt die nagelneue Mappe

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Bruno Wille: Auf den Rücken geschnallt die nagelneue Mappe Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Auf den Rücken geschnallt die nagelneue Mappe,
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Fibel und Schiefertafel unter der großen Klappe,
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Schwamm und Schieferstift bammelnd an Fädchen
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Trollt ich mit kleinen Knaben und Mädchen
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Zur Schule nach
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Und war doch ein Greis,
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Mit Haaren schlohweiß
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Und wallendem Bart.

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Bald hockt ich auf niedriger Klassenbank
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Zwischen Ofen und Klassenschrank;
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Der Herr Lehrer saß auf dem Katheder.
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Laut und deutlich mußte nun jeder
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Aus der Fibel buchstabieren,
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Artikulieren, deklamieren.
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Vom plärrenden Chorus hallte das Zimmer:
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»i, m: Im! Im/ mer.
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Ni, m: Nim! Nim/ mer!«
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Ich stammelte mit, zerstreut, verlegen,
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Wagte kein Auge vom Buch zu bewegen,
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Wußte vor Scham mich nicht zu lassen.
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Was tat ich nur hier? Ich konnt es nicht fassen.
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Das
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Hatte Bibliotheken durchstudiert,
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War Bücherverfasser, ein Denker, ein Dichter ...
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Was tat ich hier zwischen dem Fibelgelichter?
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Urplötzlich sah ich zu meinem Schrecken
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Des Herren Lehrers hochwürdigen Bauch
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Vor meinen Platz sich pflanzen und recken.
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»nun, Brunochen«, sprach er, »sag du's auch!
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Ein kleines Blauveilchen ...?«
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Ich erhob mich verblüfft, mit Zittern und Zagen;
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Was sollt ich sagen? Ein kleines Blauveilchen?
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Auf einmal erwachte, Zeile für Zeilchen,
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Die Fabel aus meinen Kindertagen,
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Und ich konnte mechanisch sagen:
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»ein/ klei/ nes/ Blau/ veil/ chen
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Stand eben erst ein Weilchen
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Unten im Tal am Bach.«
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Da dacht es nach und sprach:
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»daß ich hier unten blüh,
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Lohnt sich kaum der Müh;
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Muß mich überall bücken
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Und drücken;
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Bin so ins Niedre gestellt;
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Sehe gar nichts von der Welt.
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Drum wär es ganz gescheit getan,
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Ich stieg ein bißchen höher hinan.«
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Und wie gesagt, so getan;
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Aus dem Wiesenland
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Mit eigener Hand
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Zieht es ein Beinchen nach dem andern
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Und begibt sich aufs Wandern.
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»drüben der Hügel wär mir schon recht!
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Wenn ich den erreichen möcht,
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Könnt ich ein Stückchen weiter sehn;
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Dahin will ich gehn ...
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Dahin will ich gehn ...
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Will ich gehn ... '«

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»ja«, sprach der Herr Lehrer, »da hapert's noch sehr.
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Gib künftig hübsch acht und lerne mehr!«

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Da stand ich alter Esel blamiert/
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Und wär am liebsten retiriert
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In den Boden hinein ...
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Zu meiner Erlösung begann zu schrein
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Gellend die Glocke durchs Haus,
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Und/ die Schule war aus!

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Janhagel sprang mit Jubel und Tanzen
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Über die Bänke, griff Mütze und Ranzen
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Und lärmte in hundertfüßigem Trab
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Holterdipolter die Treppe hinab.
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Auf dem Hofe harrten voller Verlangen
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Mütter und Tanten ihrer Rangen.

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»ich bin versetzt!« schrie ein kleiner Junge
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Triumphierend aus voller Lunge./
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Versetzt? Wie ein Pistolenschuß
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Fuhr es mir freudig durch den Kopf:
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Heut ist ja Semesterschluß!
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Dann bin ich armer alter Tropf
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Wohl endlich versetzt zur höheren Klasse!
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Daß ich Träumer solche Eröffnung verpasse!

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Zu einem Klassengenossen trat ich,
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Klopfenden Herzens um Auskunft bat ich.
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Der aber höhnte mit Geträtsch:
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»nee/ du bist sitzen geblieben/ ätsch!«

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Entsetzen durchschlotterte meine Glieder.
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Sitzen geblieben! Schon wieder/ schon wieder!

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Da wandte der Bengel sich lachend um:
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»ist der aber dumm!
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Ist schon längst in der obersten Klasse
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Und will noch versetzt werden!
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Wie kannst du versetzt werden?
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Es gibt ja keine höhere Klasse!«
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Gibt keine höhere Klasse?
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Das Unbegreifliche, grob wie ein Sparren,
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Ließ alle Gedanken und Sinne erstarren.
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Gibt keine!

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Auf dem Schulhof stand ich in wirrem Traum,
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Schließlich allein mit dem Kästenbaum,
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Der im Herbstwind brauste und stöhnte,
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Sich dörrender Blätter entkrönte.
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Ich blickte hinan, durch Gittergezweige:
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»sonne, wo bist du? Enthülle dich! Zeige
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Den Höhenpfad für mein Aufwärtstrachten!
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Den Quell, dahin meine Geister schmachten/
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Aus dessen überirdischem Rauschen
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Sie unerhörte Kunst erlauschen;
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Zeige die höhere Klasse mir!«

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Ich schaute mich um und/ sah die Mauern/
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Und mußte schluchzend zusammenschauern,
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Schüttelnd das Haupt/ wie König Lear:
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»es gibt ja keine!«

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So bin ich erwacht. Ich zittre und weine.
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Es war nur ein Traum!
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Doch/ gibt es denn eine?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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