9
Bald hockt ich auf niedriger Klassenbank
10
Zwischen Ofen und Klassenschrank;
11
Der Herr Lehrer saß auf dem Katheder.
12
Laut und deutlich mußte nun jeder
13
Aus der Fibel buchstabieren,
14
Artikulieren, deklamieren.
15
Vom plärrenden Chorus hallte das Zimmer:
18
Ich stammelte mit, zerstreut, verlegen,
19
Wagte kein Auge vom Buch zu bewegen,
20
Wußte vor Scham mich nicht zu lassen.
21
Was tat ich nur hier? Ich konnt es nicht fassen.
23
Hatte Bibliotheken durchstudiert,
24
War Bücherverfasser, ein Denker, ein Dichter ...
25
Was tat ich hier zwischen dem Fibelgelichter?
26
Urplötzlich sah ich zu meinem Schrecken
27
Des Herren Lehrers hochwürdigen Bauch
28
Vor meinen Platz sich pflanzen und recken.
29
»nun, Brunochen«, sprach er, »sag du's auch!
30
Ein kleines Blauveilchen ...?«
31
Ich erhob mich verblüfft, mit Zittern und Zagen;
32
Was sollt ich sagen? Ein kleines Blauveilchen?
33
Auf einmal erwachte, Zeile für Zeilchen,
34
Die Fabel aus meinen Kindertagen,
35
Und ich konnte mechanisch sagen:
36
»ein/ klei/ nes/ Blau/ veil/ chen
37
Stand eben erst ein Weilchen
39
Da dacht es nach und sprach:
40
»daß ich hier unten blüh,
41
Lohnt sich kaum der Müh;
42
Muß mich überall bücken
44
Bin so ins Niedre gestellt;
45
Sehe gar nichts von der Welt.
46
Drum wär es ganz gescheit getan,
47
Ich stieg ein bißchen höher hinan.«
48
Und wie gesagt, so getan;
51
Zieht es ein Beinchen nach dem andern
52
Und begibt sich aufs Wandern.
53
»drüben der Hügel wär mir schon recht!
54
Wenn ich den erreichen möcht,
55
Könnt ich ein Stückchen weiter sehn;
56
Dahin will ich gehn ...
57
Dahin will ich gehn ...
67
Janhagel sprang mit Jubel und Tanzen
68
Über die Bänke, griff Mütze und Ranzen
69
Und lärmte in hundertfüßigem Trab
70
Holterdipolter die Treppe hinab.
71
Auf dem Hofe harrten voller Verlangen
72
Mütter und Tanten ihrer Rangen.
73
»ich bin versetzt!« schrie ein kleiner Junge
74
Triumphierend aus voller Lunge./
75
Versetzt? Wie ein Pistolenschuß
76
Fuhr es mir freudig durch den Kopf:
77
Heut ist ja Semesterschluß!
78
Dann bin ich armer alter Tropf
79
Wohl endlich versetzt zur höheren Klasse!
80
Daß ich Träumer solche Eröffnung verpasse!
87
Da wandte der Bengel sich lachend um:
89
Ist schon längst in der obersten Klasse
90
Und will noch versetzt werden!
91
Wie kannst du versetzt werden?
92
Es gibt ja keine höhere Klasse!«
93
Gibt keine höhere Klasse?
94
Das Unbegreifliche, grob wie ein Sparren,
95
Ließ alle Gedanken und Sinne erstarren.
97
Auf dem Schulhof stand ich in wirrem Traum,
98
Schließlich allein mit dem Kästenbaum,
99
Der im Herbstwind brauste und stöhnte,
100
Sich dörrender Blätter entkrönte.
101
Ich blickte hinan, durch Gittergezweige:
102
»sonne, wo bist du? Enthülle dich! Zeige
103
Den Höhenpfad für mein Aufwärtstrachten!
104
Den Quell, dahin meine Geister schmachten/
105
Aus dessen überirdischem Rauschen
106
Sie unerhörte Kunst erlauschen;
107
Zeige die höhere Klasse mir!«