Hoch stand ich auf dem Dach/ und sah

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Bruno Wille: Hoch stand ich auf dem Dach/ und sah Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Hoch stand ich auf dem Dach/ und sah
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Seltsamste Morgenglut:
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Rings wogte über die Häuser hin
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Ein Meer von Brand und Blut.
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Wild brüllte die schwarzrot qualmende Schlacht;
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Mit zornigem Knattern schossen
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Behelmte Feinde zu uns empor.
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Doch es trotzten fest die Genossen,
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Wie Felsen im schlagenden Hagelsturm.
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Verheerende Bomben schwangen sie
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Und manchmal durch das Schlachtgetos
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Die Marseillaise fangen sie.
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Ihr wollustgirrendes Mordlied pfiff
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Eine Kugel an meinem Ohr;
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Da bäumte sich meine Seele jäh
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Gleich wütiger Schlange empor.
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Den Sprengball zückte die krallende Faust
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Nach den feindlich stürmenden Massen
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Und schmiß des Todes reißende Saat
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Hinunter mit jauchzendem Hassen.
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Und dumpf ...

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...Ein Rollen, ein Peitschengeklatsch
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Und Getrappel/ goldflirrender Schein;
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Und sieh, die Morgensonne strahlt
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Zum offenen Fenster herein.
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Im Bette lieg ich/ es war ein Traum!
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Nicht Kugeln, die Schwalben girren
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Und schießen um mein ländliches Dach.
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Und droben im Mattblau schwirren
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Lichtfrohe Lerchen. Durch tauige Flur
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Trabt munter das Pferd mit dem Wagen;
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Drauf sitzt der junge Bauer und schmaucht
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Sein Pfeifchen mit Behagen
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Und fährt so sicher hinein in die Welt ...

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Ich aber, ich seufze und schwanke
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Und bin auf bangem Lager hier
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Ein zweifelnder Gedanke.
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Noch hält der Zorn, der glühende Traum
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Mein Herz in banger Stockung,
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Und schon umschmeichelt mich so süß
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Des Lebens liebliche Lockung.
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Da schwindelt mir; Verwirrung, Scham,
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Sie überfluten heiß mich;
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O ich vermessner, armer Tor!
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Was bin ich? Und was weiß ich?
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Ich bin nur ein Halm im wogenden Feld
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Und wähnte, ich sei das Feld;
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Und ich wanke, schwanke in Lieb und Haß,
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Und mir däucht, ich bewege die Welt.
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O ich Irrtum und schwächlicher Widerspruch!

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Und doch! Was hier erwacht
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So grimm und kühn, ist Irrtum nicht,
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Ist Zwietracht nicht, ist Macht.
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Ich bin die einige Macht, bin Lieb
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Und Haß mit einem Male,
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So einig wie Kastanienfrucht und ihre Stachelschale.
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Und die hassende Liebe, der liebende Haß,
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So in mir gärt und schafft,
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Das ist der Menschheit Lebensdrang,
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Ist die weltbewegende Kraft.
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Ich will! Und dieser Kraftstrom wird
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Durch alle Zeiten wallen,
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Wird Arme breiten sehnsuchtsvoll
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Und Fäuste drohend ballen.
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Ich will! Und wenn mein trotziger Mund
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Auch längst im Tode schwieg,
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Ich will! Und ewig ist mein Kampf,
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Und ewig ist mein Sieg!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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