Stumm lag die Straße, unter schwarzem Laken

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Bruno Wille: Stumm lag die Straße, unter schwarzem Laken Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Stumm lag die Straße, unter schwarzem Laken.
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Verschlafen blinzten die Laternenflammen;
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Die öden Pflastersteine schraken
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Vor meinem Schritt zusammen.
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Doch mir im Haupte brandete das Blut,
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Und üppig blitzten die Gedanken/
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Des Hochgespräches kühne Brut,
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Bei dessen wild erhabener Glut
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Ich mit den Freunden saß, in feierlicher Nacht ...
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Und staunend schaut ich die Gedankenpracht
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Und fühlte staunend meines Herzens Weihe;
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Und meine Seele wuchs zu hehren Sternen
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Wie Rauchschwall wirbelnd sich gen Himmel breitet.
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Und wie ich schlafen sah die dunkle Häuserreihe,
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Bedünkt ich mich ein Heiland,
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Der liebewach sein schlummernd Volk durchschreitet.

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Doch als ich öffnete des Hauses Tor,
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Da gähnte schwarz das Haus wie eine Gruft.
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Und als die finstern Treppen ich empor
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Getastet bis zum Stockwerk unterm Dach,
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Da hauchte mir das enge Schlafgemach
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Entgegen drückend schwüle Luft.
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Beklommen streckt ich mich zu Bett
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Und suchte Schlaf. Doch heiß war meine Stirn,
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Und rastlos grübelte das müde Hirn.

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Dann aus der dunkeln Ecke kam geschlichen
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Die Angst und kroch mit ekler Gier empor
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Und drückte meine Brust und würgte mich;
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Und meine Glieder waren totenstarr.
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Und eine Stimme raunte mir ins Ohr:
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»ohnmächtiger Narr!
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Der du ein Held,
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Ein Heiland dich bedünkt,
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Da liegst du nun gefällt,
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Von meiner Faust gefaßt/
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Wie all dein kummerbleiches Volk,
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Das hingestürzt von Tageslast
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Rings unter dumpfen Dächern modert ...«

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Und wie es zischelnd höhnte,
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Und wie, bedrückt vom Alb,
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Ich röchelte und stöhnte,
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Da brach mein Herz,
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Da sank' mit hohlem Dröhnen
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Mein Sarg in schwarze Erde ...
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Der Deckel preßte meine dumpfe Stirn,
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Und die Gedanken wurden starr im Hirn.

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Was zwitschert heimlich in der Ferne
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So süß und morgenfrisch?
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Was spür ich wie ein Liebchen schleichen
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Vom Fenster durch das lauschig stille Zimmer?
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Bist du es, Frühlicht? Ja, du bist es, Liebchen!
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Schon grüßen mich mit geisterhaftem Schimmer
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Der Tisch, das Polster und die Uhr ... Ihr bleichen,
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Aus Nacht erstandnen Freunde! Ja, es tagt!
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Wie wonnig meine nachtgequälten Augen
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Des Lichtes zarte Rieselquelle saugen!
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Und wie in lichtgetränkten Wolkenräumen
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Die Lerche trunken taumelt!
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O laß mich lauschen, laß mich träumen,
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Zärtlicher Vogel ...

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Die bange Nacht
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Verschlief dein Köpfchen, flügelgeborgen,
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In dunkler Ackerfurche der Vorstadt.
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Doch als mit hauchendem Kusse der Morgen
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Dein Flaumkleid rührte, bist du erwacht
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Und sehnsuchtsvoll auf schlafgestärkten Flügeln
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Emporgeschwirrt zu frischen Lüften/
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Wo zwischen grauen Wolkenhügeln
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Aus rotbesäumten Schlüften
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Des Tages Goldflut bricht.
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Und auf zum jungen Licht
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Mit nie versiegender Liebeslust
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Jubelt die schwärmende Sängerbrust:
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»wie bist du süß! Wie bist du süß!«

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O Lerchenlied, du Labequell!
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Laß Trillerperlen funkelhell
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Auf dürre Seelenauen
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Mir niedertauen!
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Du Flatterpunkt im Blauen
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Bist stärker als mein Flügelschwung,
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Der rückwärts sank in Nacht und Grauen.
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Vom glutverklärten Fenster lauscht
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Mein trostverschmachtet Ohr
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Erquickt zu dir empor.
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Nun trage durch das Morgentor
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Den Hingegebnen, hilflos Matten
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Von bangen Straßenschatten
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Empor, empor/
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Du lieber kleiner Heiland/
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Zu seligem Ruhe-Eiland.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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