Dort drüben liegt sie/ riesenbreit erstreckt

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Bruno Wille: Dort drüben liegt sie/ riesenbreit erstreckt Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Dort drüben liegt sie/ riesenbreit erstreckt
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Und vielgezackt zum Wolkengrau gereckt:
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Die steinern fahle Stadt/ von hunderttausend
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Tagwerken murrend und erbrausend.
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Ein Dunst umhüllt die Dächer, rußig, bleiern:
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Der Schlote Ausgeburt/ die noch nicht feiern.
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Und doch schon murmeln von der Vesperstunde
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Die düstern Türme mit dem Glockenmunde.

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Wie dort der Häuserwall, der Vorstadt-Rumpf,
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Aus fünfgezeilten Fenstern stumpf
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Herüberstarrt zum braunen Ackergrund,
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Wo, schmutzigrot die Mauern,
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Zwei qualmende Fabriken kauern.
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Horch, die Maschine heult das Vesperzeichen.
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Da rinnt aus dem Fabrikentor
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Ein langer Zug von Arbeitsvolk
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Den Ackerweg dahin, zur Stadt.
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Und sieh, die Häuserstirnen rötet matt
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Der Abendwolken Widerschein.

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Auf einmal quillt der Feuerball herein
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Aus einem Wolkenriß und überflutet
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Die Landschaft, daß sie golden glutet.
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O Zaubertat! Die Stadt mit ihrem Dunst
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Liegt nun verklärt, von Purpurduft umflossen:
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Ein Hügel, drum in ungestümer Brunst,
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Aus grauem Dorn, blutrote Rosen sprossen.

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Und sieh nur, wie die Scheibenzeilen strahlen,
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Mit rotem Blitz das Sonnenfeuer malen!
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Wie alle Häuser, alle Fensteraugen,
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Mit heißem Durst die Purpurquelle saugen
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Und saugend immer lichter sich verklären/
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Als ob sie fluchbeladne Schlösser wären,
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Die für ein karges Weilchen von der bösen
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Verwünschung sich erlösen.

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Und sie betrachtend voller Staunen,
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Hör ich die Häuser gramvoll raunen:

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»verwunschene Schlösser, verfluchte Mauern,
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Ach wohl, das sind wir! Müssen ja trauern
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In düstrer Öde jahraus jahrein,
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Hilfloses Grauen im lahmen Gebein.
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Durch Kerkerräume Gespenster poltern,
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Viel arme Menschenseelen zu foltern,
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Mit teuflischen Zangen, mit Dürsten und Fasten,
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Mit knechtischen Ketten, unmenschlichen Lasten.

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Auf faulem Stroh die Armut kauert,
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Verzehrt von Fieber und frostdurchschauert;
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Das Auge irrt,
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Es ringen die Hände.
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Doch fledermausig
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Die Sorge schwirrt
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Um unsere grausig
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Verdammten Wände ...
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Fluch und kein Ende!

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Nur manchmal naht die Gnadenstunde,
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Wo die purpurne Sonne mit küssendem Munde
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Die Stirn uns rührt und an jenen gemahnt,
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Den unsere Seele erschauernd ahnt:
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Den Strahlenbräutigam wundervoll,
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Den starken Helden, der kommen soll,
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Aus gespenstischer Not, aus Nacht und Ketten
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Auf ewig uns zum Lichte zu retten.«

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So klagten die Verfluchten. Und der Scheiben Rot
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Ward düster und erstarb in matten Funken.
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In Stumpfheit lag die Stadt zurückgesunken:
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Ein Schlackenhaufen,
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Schwarz/ und kalt/ und tot.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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