Ich war ein Kind/ mit großen Kinderaugen

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Bruno Wille: Ich war ein Kind/ mit großen Kinderaugen Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Ich war ein Kind/ mit großen Kinderaugen,
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Die nur zu träumerischem Schauen,
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Nicht zum Berechnen und zum schlauen
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Erwerben taugen;
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In dumpfen Stuben bangte mir, ich scheute
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Gespräche nüchtern kluger Leute
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Und stahl mich fort mit stiller Wonne
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Zu Blumen, Gras und Sonne.

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Da sog ich Luft wie ein Befreiter, lauschte
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Den Bienen, Grillen, schwankendem Gesträuch,
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Das wogengleich im weichen Winde rauschte;
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Mit Staunen und Entzücken schaute
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Mein Aug empor/ zu ihm,
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Der tief und weithin blaute;
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Und der betörte Träumersinn
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Schwamm mit dem wunderbaren,
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Wie Schneegebirge klaren
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Gewölke sanft dahin.

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So wuchs ich auf. Und allezeit getreu
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Blieb meinem Aug das träumerische Schauen.
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Doch ich bedachte nie: der Schatz der Auen
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Sind nicht die bunten Blumen, sondern Heu;
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Was blau und rot im Ährenfelde blüht,
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Ist nicht dem Bauch des Erntesackes hold;
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Und eines Dichters träumereich Gemüt
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Trägt wenig Körnchen irdisch Gold.

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Nun stehn die Äcker braun und stopplig nackt,
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Geschorne Wiesen werden bleich und bleicher,
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Und mir zum Spotte tanzt im fremden Speicher
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Der plumpe Flegel trocknen Erntetakt.
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Am Dornstrauch sitz ich, trübe wie der Himmel;
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Verwelkte Blätter zerrt ein rauher Wind,
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Scheucht mürrisch fort das raschelnde Gewimmel;
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Und träumend starr ich nach/ ich dummes großes Kind!

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Der Winter kommt. Ich werde frieren, darben
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Und wie die arme Maus im Stoppelwald
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Mich nähren von dem Abfall fremder Garben;
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Vielleicht auch sterb ich bald ...
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Mag sein! Doch schließ ich ohne Reue
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Und segne dankbar meinen Träumerblick.
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Er ließ mich lieben Flur und Himmelsbläue;
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Und diese Liebe war mein Lebensglück.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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