Ich habe geträumt! – Noch pocht mein Herz

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Bruno Wille: Ich habe geträumt! – Noch pocht mein Herz Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Ich habe geträumt! – Noch pocht mein Herz
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Von Gram und Grimm empört,
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Und Thränen der Ohnmacht netzen mein Kissen.
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Ich ward mishandelt unerhört! ...
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Doch ruhig! Still! Es war ein Traum!

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Wie dumpf die Stube! Der Mond scheint hell
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Wie bläulich brennender Schwefel
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Und tüncht an die kalkige Wand
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Mein bäuerlich Fenster grell;
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Im morschen Holzgetäfel
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Pickt ein Wurm oder nagt ein Mäuschen;
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Draußen pfaucht ein Käuzchen
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Gedämpft im Kiefernforst ...

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Was hab ich nur geträumt? –
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Ich ward geknebelt von viehischen Schergen,
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Vor raubtieräugige Richter geschleppt;
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Die schrieen funkelnden Auges: »Schuldig!«
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Eine Menschenmenge brüllte: »Schuldig!«;
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Es war eine ganze Welt.
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Doch mein Herz schluchzte: »Nein!
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Ich bin rein, wie Jesus rein!«
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Und eine starke Stimme sprach:
23
»
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Und die Menge johlte: »Zu lebenslänglichem Galgen!«

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Nun packten mich die Henkersknechte
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Und schleiften mich zum Galgen;
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Ich ward mit der Schlinge gewürgt;
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Doch ohne zu sterben!
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Und täglich sollt ich so
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Den Galgen leiden, ohne zu sterben,
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Im Herzen die Stimme der Unschuld. –

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Sei ruhig, Herz, und poche nicht!
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Zerblasen ist alle Gefahr;
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Es war ein Schaum, ein Gaukeltraum! –
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Ach wohl, es war Gedankenschaum,
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Und doch –

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Die Schergen, die Richter, die Henker, den Galgen,
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Ich kenne sie insgesammt,
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Kenne die Welt, die mich verdammt
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Zum Galgen Zeit des Lebens.
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Wie heißt der Galgen? Mangel, Not,
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Sorge um Stube, Kleider und Brod,
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Knechtung, Schmähung reinsten Strebens!
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Verfluchte Welt, die mich umfängt,
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Tagtäglich an den Galgen hängt,
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Verfluchte Welt! ...

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Auf! Hinaus! Ich halt es nicht aus
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Auf dem Lager in dumpfiger Kammer,
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In traumdurchdünsteter Folterkammer.
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Hinaus in die nächtliche Landschaft! ...

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Hu, wie glutig
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Der Mond in zackiger Wolke rollt!
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Gleich der Augenkugel blutig
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Von feuerschwangrem Drachen
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Mit aufgerissenem Rachen!
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Das Auge blinzelt, scheint zu brechen,
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Zwinkert dann mit tückischem Stechen,
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Rollt wieder auf und glotzt mich drohend an.

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Drache, nun erkenn' ich dich!
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Du bist der Fürst der verhaßten Welt,
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Die mich am Galgenstricke hält;
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Und während Kröten und Unken
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Heulten und schnurrten in Moor und Gaasen,
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Hat dein zorngeblähter Bauch
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Schwüler Träume giftigen Hauch
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Mir ins Fenster geblasen ...

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Ha, was seh ich!
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Du hast dein Auge
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Zackiger Drachenleib,
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Und bist geschwärzt vom Tod!
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Da liegt die Augenkugel triefend rot
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Auf düsterm Kiefernforste,
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Dem rauchige Brunst entloht –
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Ein glühendes Ei im brennenden Neste!

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Ja brenne nur, unholde Veste
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Der alten Welt, sammt Galgen und Henkern!
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Mit Flüchen will ich deine Funken
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Schüren, bis du in Asche gesunken. – – –

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Nun allen Sorgen fern,
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Wend ich mich um –
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Zum Morgenstern,
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Der leuchtend groß wie eine weiße Wasserrose,
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Verzückt wie ein Prophet,
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Am milchigen Himmel steht.
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Wölkchen schwimmen goldfischgleich;
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Das graue Korn erschauert;
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Freudig blitzt es auf im windgekräuselten Teich;
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Erwachte Wasserspatzen
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Zwitschern froh und schwatzen
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Im frisch durchhauchten, wogenden Rohr;
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Und aus thauversilberten Halmen
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Steigt die Lerche, das Auge im Glanz, empor
93
Mit seligem Tirili.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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