Der Lenzwind stürmt dem Gutshof zu

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Bruno Wille: Der Lenzwind stürmt dem Gutshof zu Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Der Lenzwind stürmt dem Gutshof zu
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Durch Zeilen schwanker Pappeln
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Und läßt auf braunem Ackerland
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Die Vogelscheuche zappeln.
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Am Pappelwege sitzt ein Strolch;
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Der knotet an einem Strick
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Und legt die Schlinge zur Probe
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Zerrend um sein Genick.

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»die hält! Ach wohl, nun kannst du gehn
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Aus dieser verdammten Welt.
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Nur schade, daß hier unterm Gurt
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Noch immer der Hunger bellt!
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O Schande, mit Bauchweh zu verrecken!
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Giebt Keiner den letzten Happen? – –
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Vielleicht ist drüben im Hofe
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Bei den Knechten was zu erschnappen.« –

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Und müde humpelt die hungerfahle
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Dürre Lumpengestalt zum Gutshof,
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Drängt das Thor behutsam auf,
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Spähend vorgestreckt den Kopf ...
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Verdammt! Da steht der Gutsherr,
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Reitstieflig, zornrot das feiste Gesicht;
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Er pfeift dem Hunde gellend;
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Schon rennt das Vieh, die Zähne gefletscht ...
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Hastig zugeschlagen das Thor!
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Fort! mit schlotternden Knieen ...

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Fern hält der Arme zitternd, keuchend,
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Und schüttelt die Händeknochen:
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»warte nur! Was ein Sterbender flucht,
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Ist nicht in den Wind gesprochen.
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Ihr Reichen rafft uns alles weg
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Und freßt es in den Magen,
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Und wollt uns selbst den Abfall
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Nicht gönnen zum Benagen?«

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Wutglotzend, knirschend hastet er
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Auf braunes Ackerland
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Zur Vogelscheuche und zerreißt
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Ihr zundriges Gewand;
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Dem Holzgerippe zieht er an
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Den eignen Lumpenrock
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Und seinen schäbigen Filzhut
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Stülpt er über den Stock;

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Und schaut sein Werk mit Grinsen an:
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»du dürres Lappenluder,
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Du gleichst fürwahr mir bis aufs Haar
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Als wie ein Zwilligsbruder.
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Das bin ich selbst! Nun kann ich
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Dem reichen Hunde trotzen
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Und, wenn mein Leib als Aas verwes't,
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Die Satten frech beglotzen.« –

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Am Weg ein greiser Pappelbaum
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Mit niedrigem Geäst,
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Der hilft dem Strolch zu sich herauf
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Und hält die Schlinge fest:
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»hinein den Hals, du Menschenkind!
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Ich will dich treulich henken.
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Spring ab! Nun mag der tolle Wind
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Die zuckende Leiche schwenken.« – – –

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Doch drüben auf dem Ackerland
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Da flattert des Toten Rock,
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Schüttelt die schlaffen Arme grimm
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Und zerrt an seinem Stock;
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Er möchte würgelustig
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Zum Hals des Feindes zappeln ...
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Der Lenzwind aber wächst und heult
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Bedrohlich in den Pappeln.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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