Ich blicke schweigend auf das weiße Tuch

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Bruno Wille: Ich blicke schweigend auf das weiße Tuch Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Ich blicke schweigend auf das weiße Tuch
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Und tippe sinnend mit dem Tafelmesser;
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Weingläser klirren, eine Dame lacht,
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Die beiden Diplomaten reden wichtig,
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Und Seidenroben duften nach Parfüm.

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Doch über die Terrasse weht ein Hauch
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Aus waldiger Bergesschlucht so kühl und rein;
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Tief atmend schlage ich die Augen auf.

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Da übergipfelt sich der krause Wald
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Den Berg hinan, da lagern grüne Matten
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An Felsgehängen, und mit schroffem Stolz
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Erhebt der Riese himmelan sein Haupt.

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»entzückend!« lispelt meine Tafeldame,
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Die Gouvernante.
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«
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Ich muß es stets betonen, Herr Minister,
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Erhöhen wir den Schutzzoll! Unser Staat,
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Verlassen Sie Sich drauf, wird ausgesogen.
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Das einzige Rettungsmittel ist mein Antrag.«
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Wie offen blickt das Deputirtenauge –
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Nur blitzt es heimlich drin: »Wenn es gelingt,
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O köstlicher Profit!«

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Ein Vogel kreischt und schlägt mit starkem Fittig
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Und wiegt sich spähend über Wald und Schlucht;
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Dumpf tost der Gießbach zwischen Felsgeblöck,
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Und eine Wolke schattet.

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Geil grinsend drückt die alte Excellenz
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Die Patschhand seiner Dame an den Weißbart.
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Die Gnädige lächelt wie ein Kind – und denkt:
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»hat erst mein Mann die Stelle in der Tasche,
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Dann, Herr Protektor ... warte, alter Ekel!«

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»entzückend!« lispelt meine Tafeldame
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Durch ihre falschen Zähne; »o Natur!«
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Und blickt hinan zum Angesicht des Berges, –
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Das sich verfinstert und in Wolken hüllt.

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Nur auf der Matte ruht noch goldnes Licht;
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Das lächelt mich wehmütig an. Ich schlage
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Die Augen nieder auf das weiße Tuch
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Und tippe sinnend mit dem Tafelmesser.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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