In kalter Kammer, matt erhellt

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Bruno Wille: In kalter Kammer, matt erhellt Titel entspricht 1. Vers(1894)

1
In kalter Kammer, matt erhellt,
2
Auf elend knochigem Polster lieg ich,
3
Die Füße frostig, den Magen vergällt,
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Und starre zur mürrischen Decke empor ...
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Geld!
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Rundes blondes Liebchen Gold,
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Sei dem Schmachtenden hold!
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Laß dein Stimmchen mir erklingen
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Süß und fein
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Wie Kristallglas,
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Gefüllt mit gelbem Wein!
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Deinen schlangenglatten kühlen Leib
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Möcht ich streicheln;
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Das soll der fieberigen Seele
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Wie Quellenkühlung schmeicheln.
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Ginge doch die grämliche Thüre auf,
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Und mein Goldchen wäre da,
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Und Goldchen sagte: »Ja,
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Dein bin ich, dein!
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Und heute soll die Hochzeit sein.«

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Wie wollt ich springen kummerfrei!
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Freunde, Freunde, hurtig herbei!
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Wein her, köstliche Schüsseln her!
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Laßt uns schlürfen mit Lippen und Augen,
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Wonnevoll, wie durstige Wurzeln
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Üppige Regenfluten saugen!
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Laßt uns taumeln die Nacht entlang
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Mit Gesang und Gläserklang:
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»liebchen Gold soll leben!«

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Erwach' ich dann im Bette,
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Und hellt ein Schimmer
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Den rauschgetrübten Kopf, –
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Wo bleibt Frau Sorge,
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Die gestern noch im Junggesellenzimmer
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Hüstelnd schlich?
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Liebchen Gold
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Ist mir hold!
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Auf, glückseliges Gemüt!
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Neue Freuden sind erblüht.
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Auf zur Hochzeitsreise! –

41
Am Wagenfenster vorbei
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Kommen Felder geflogen,
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Fächerhaft ausgespreizt,
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Wiesen und Hecken und Dörfer;
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Blaudämmernde Hügel wogen;
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Wald und Fluß rauscht vorbei.

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Mit uns eilt die stralende Sonne
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Und des Himmels blauende Wonne.
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Da ... in Bergesschacht
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Rollen wir dumpf donnernd;
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Der Tag erlischt; lang herrscht die Nacht;
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Und Haupt und Augenlider
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Sinken schläfrig nieder ...

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Neu zum Licht erwacht,
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Schau' ich staunend ein Alpenthal,
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Felsen und Tannen;
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Droben glüht ein Schneeberg-Greis
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Im Abendstral
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Trunken vor Lust;
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Schäumend stürzt der Gießbach
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Von seiner Felsenbrust.
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Hier will ich atmen, trinken
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Rauhe Lust,
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Bis der Schnee
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Stürmisch wirbelnd flockt,
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Und mich weiche Sehnsucht
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Nach Italien lockt;
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Finsternis und Frost, ade! ...

69
O weh!
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In kalter trüber Kammer,
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Auf elend knochigem Polster ...
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Rauchige Decke, grämliche Thüre...
73
Verhauchter Traum, ade!

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Grausam sprödes Lieb!
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Ich härme meine Wangen hohl,
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Zergrüble mir
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Die Stirne weh nach dir;
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Möchte gehn zu Waldesgründen
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Und die Wünschelrute finden;
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Die soll erspüren
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Gitter und Mauern,
82
Wo Goldchen sich verbirgt;
83
Da will ich nächtlich lauern,
84
Liebchen zu entführen.

85
Doch sieh! Bei Liebchens Gitterfenster
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Steht schon ein Mensch und harrt.
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Das ist – ich bin erstaunt, erstarrt –
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Mein Freund! Du hier?
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Vor meines Liebchens Thür? –
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Da droht sein Aug' und rollt:
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»o nein!
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Und blitzt wie Messerstich nach mir ...
93
Ach! Freundesmord! –
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Und schmerzgeschnitten wank' ich fort.

95
Ich blute ... Tückische Dirne Gold!
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Du aber wirst mit Gier genossen
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Vom grauen Geizhals droben hinterm Gitter;
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Und morgen fährst du in Karossen
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Mit Gecken und Schurken, stellst dich feil
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Im Börsensaale, wo Gefeilsche gellt,
101
Machst tausend Händlergesichter geil...
102
Metze der Welt! –

103
Elend will ich auf dem hagern
104
Polster lagern
105
Im kalten Dunkelkämmerlein;
106
Träumen von einer Blume,
107
Weiß und rein ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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