Sie ist gegangen ... horch

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Bruno Wille: Sie ist gegangen ... horch Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Sie ist gegangen ... horch,
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Die Flurthür fällt ins Schloß!

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O mein geschlagenes Herz!
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Es fühlt ein wildes Stechen,
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Zuckt wie ein röchelnd Lamm
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Und möchte brechen.

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Nun haucht mich kalt die Öde an;
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Wie eine Sterbekammer ist die Stube,
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Wenn der zugedeckte Sarg
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Schwankend schied –
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Gramverstummt, frostig, leer.

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Ihr meine Augen, starrt nicht mehr
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In dieses eisige Grauen,
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Schließt euch fest wie Totenaugen!
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Nach Innen will ich schauen:

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Hier im Tiefgeheimen
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Seh ich zärtliche Augen von Einst,
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Sanfte Hände fassen mein Haupt,
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Auf meinen Lippen glühendes Saugen ...
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O bleibe, liebewarmer Mund!
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So wird mein schmachtend Herz gesund, –
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Wie flammenroter Mohn,
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Aus thauiger Flur geraubt,
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Vom Welken heimlich sich erholt
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Am Kusse des Wassers im Glase
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Und von der heimischen Wiese träumt ...
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Träumen will auch ich,
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Von meiner Wiese träumen –
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Von dir, mein Lieb – –

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Ein Stübchen mit lichten Gardinen,
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Über die graue Straße hoch
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Emporgehoben zum sonnigen Blau,
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Wo weiße Wolken weiden
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Und blitzende Tauben kreisen ...
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Auf dem Sofa sitzen du und ich;
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Vor uns auf dem Tische ruht die Zither,
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Und mit schüchternen Fingern tippst du
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Auf die Saiten.
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Ich schaue den Fingerchen zu,
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Damit sie nicht fehlen, und zähle den Takt.

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Doch mich verwirrt dein Händchen –
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Ich möchte das Händchen drücken
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Und wag' es nicht.
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Nur um die irren zu leiten,
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Ergreif ich die Finger
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Und drücke leise,
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Wie zaghaft bittend.

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Da werden die Finger so schwach,
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Das Händchen liegt bebend in meiner Hand,
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Dir glühen die Wangen, die Augenlider
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Sinken schamhaft schmachtend nieder,
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Der Busen wogt ... O seliges Flammen,
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Da wir uns schmiegten wild zusammen,
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Als müßten küssend wir verschmelzen. –

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So lebten wir fortan
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Im Stübchen, Frau und Mann,
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Von Gardinen versteckt
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Den neugierblickenden Fenstern
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Der Häuser gegenüber.

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Wenn ich in feierlicher Nacht
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Von Hochgesprächen mit den Freunden
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Heimkehrte wie berauscht
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Und klopfenden Herzens sacht
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Betrat das dunkle Stübchen,
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Dann grüßt vom Lager mein Liebchen,
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Liebewach, im Dunkeln lächelnd;
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Und zärtlich knie' ich nieder,
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Und weich und warm
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Schlingt sich um meinen Hals dein Arm;
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Wir kosen und küssen ... gute Nacht!

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Dann such' ich friedevoll mein Bett
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Und liege stumm im Dunkeln ...
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Doch die Gedanken schwärmen
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Ameisenhaft im Haupte;
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Und drüben hör' ich Liebchen
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Sehnlich atmen.
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Da wallt mein Blut so heiß ...
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O komm, mein Lieb, o komm
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Und sei die wilde Flamme,
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Die den Seligen verzehrt
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Und erst erlischt,
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Wenn draußen über Dächerwogen
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Im Morgengrau die Vorstadtlerche zwitschert ...

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Vorbei! Zerrissen, zerstoben
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Wie zarter Morgentraum!
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Kalt blickt die Welt
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In meine thränenden Augen;
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Und meine Thränen wandeln nicht die Welt. –

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O warum
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Kann Liebe nicht leben
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Wie auf der Flur ein Vogelpaar?
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Die treue Flur
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Gibt Halme zum Nest und Körnchen.

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Doch zwei Menschenherzen
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In steinerner Stadt
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Brauchen Stube und Kleider und Brod;
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Und die Stadt ist so grausam hart ...
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Weinendes Lieb,
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Geh von deinem armen Schatz,
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Der dich nicht kleiden und speisen kann;
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Weinendes Lieb, fahr wohl! –

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So bist du fortgegangen ...
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Ich und die Stube wir sind allein,
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Blicken uns an so leer,
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Beide vor Gram ganz stumm ...

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Welch garstiges Gesumm,
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Bösartig dumpfes Rollen
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Tönt drunten von der grauen Gasse!
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Höhnst du, steinerne Stadt? –
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Wie ich dich hasse,
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Grausame Gasse,
112
Brandende Menschenmasse!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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