Über rußbestaubten Dächerwogen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Bruno Wille: Über rußbestaubten Dächerwogen Titel entspricht 1. Vers(1894)

1
Über rußbestaubten Dächerwogen,
2
Straßendunst und dumpfem Werkgetose,
3
Über all dem bang beladnen Volke
4
Schwebt die Wolke
5
Blendend weiß, wie eine Riesenwasserrose
6
Über schwarzem Kolke.

7
Und hernieder blickt die Reine
8
In den düstern Hof, wo zwischen Mauern,
9
Ungeliebt vom Sonnenscheine,
10
Ein gebeugtes Weib die Jugend muß vertrauern
11
Bei der Nadel fieberhaftem Rasseln. –
12
Blasses Weib, erhebe dein Gesicht
13
Zu der Wolke hehrem Licht!

14
Und ihr Werkelmänner arbeitsheiß,
15
Laßt das Hämmern, laßt des Schwungrads Treiben,
16
Tretet an die trüben Werkstattscheiben,
17
Trocknet von der Stirn den Schweiß,
18
Andachtsvoll den Blick erhoben
19
Zu der weißen Wolke droben!

20
Alle, die durch graue Gassen
21
Grübelnd hasten und einander hassen
22
Um ein karges, hartes Brod,
23
Die um armen Leibes Not
24
In das Morgen schaun mit Bangen,
25
Die gebrochen und verlassen
26
Hüsteln mit gehöhlten Wangen,
27
Die den Tod verzweifelnd suchen,
28
Oder hinter Eisenstangen
29
Schmachtend fluchen, –
30
All die Fensteraugen jener langen
31
Häuserreihen sollen aufwärts schauen
32
Zur verklärten Wolke.

33
In dem matten, wasserblauen
34
Abendhimmel schwimmt das selige Eiland
35
Ruhevoll und glänzend weiß,
36
Wie auf Hochgebirgen keusches Eis.
37
Sanfte Thäler thun sich droben auf; ich schaue
38
Seidenzarte, schneeige Hyazinthenfelder,
39
Auf den Hügeln duftige Apfelblütenwälder
40
Und dazwischen, blitzend gleich dem Thaue,
41
Alabasterne Paläste.
42
Um Geblüm und Blütenäste
43
Hauchen Lüfte, frisch wie auf der Alpenaue,
44
Und da singt es wie von Kinderstimmen.
45
Doch wo weilen
46
Rein und selig wohnen?

47
Dort an weißer Hügel Rändern
48
Stehen sie in schimmernden Gewändern,
49
Eng geschaart. Und sieh, die Einen
50
Hüllen ihr Gesicht und weinen,
51
Andre schauen starr und trauernd,
52
Oft zusammenschauernd,
53
Wie entsetzt, hernieder
54
Auf der Weltstadt wüste Riesenglieder,
55
Die in Staub und Sünde angstvoll keucht.
56
Und in liebendem Erbarmen
57
Möchten sie die Stadt umarmen:
58
»arme trübe Schwester, hebe
59
Deinen Blick zu uns und schwebe
60
Sehnsuchtsvoll
61
Wie ein frisch erblühter Silberfalter
62
Sonnetrunken aufwärts fliegt,
63
Während grau und leer sein alter
64
Puppenschrein im Staube liegt.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.