Umhaucht vom Silberdufte

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Bruno Wille: Umhaucht vom Silberdufte Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Umhaucht vom Silberdufte
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Des üppig blühenden Mondes,
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Erschauert leise des Parkes
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Glänzendes Laubgesproß –
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Wie träumende Seelenjugend
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Im Kusse lichter Gedanken.
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Über den Wipfeln fern das Nachtgewölk
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Flammt bisweilen von Blitzen –
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Dem dumpfen Schläfer gleich,
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Den heiße Leidenschaft
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Zuckend rührt.
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Aus Büschen und frischen Halmen
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Atmet der süße Mai;
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In lauschiger Blättertiefe
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Dichtet träumend die Nachtigall;
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Und vom stolzen bleichen Hause
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An des Parkes Saum
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Aus erhellten Fenstern
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Klingt Musik
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Wie perlendes Glück.

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Im Garten aber am Eisengitter
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Steht ein schimmernder Blütenbusch
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Traurig über die Stäbe geneigt;
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Die weißen Blüten blicken
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Wie bange Kinderaugen
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Auf ein dunkles Menschenbild,
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Das zu des Busches Füßen
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Draußen am Gittersockel
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Reglos kauert.

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Durch bebende Zweige fällt
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Zerrissenes Mondlicht
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Und huscht mit Scheu
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Über des kauernden Mannes
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Wüsten Rock und wirres Haar.
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Seufzend streift vorbei der Nachtwind,
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Und der weiße Blütenbusch
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Sinnt in träumender Trauer:

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»arme Menschenblüte,
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Die du gefallen liegst,
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Verloren für die Sonne,
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Das Angesicht verwüstet,
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Auf Stein und Staub!
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Welch liebeloser Gärtner
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Ließ so dich darben, dürsten,
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Daß du verwelkt, gesunken,
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Zertreten bist in Staub und Stein?«

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So sinnt in träumender Trauer
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Der weiße Blütenbusch ...
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Am Himmel aber flammt es
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Und rollt und grollt,
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Als rüsteten sich ferne Wetter
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Zu heißem Zorne.
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Das zarte Mondlicht flüchtet
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Hinter finster ragende Wolken,
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Und die Nachtigall verstummt ...
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Nur vom stolzen Hause
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An des Parkes Saum
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Aus erhellten Fenstern
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Klingt Musik wie perlendes Glück.

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Aus der Thür des Hauses tritt
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Ein Herr in feiner Tracht,
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Grüßt zurück
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»gute Nacht!«
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Und kommt gegangen,
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Leise trällernd.
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Mit kaltem Blicke
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Streift er die Gestalt am Gitter
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Und geht, sein Liedchen pfeifend,
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Grade zur Laterne
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An der Straßenmündung.

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Die Flamme der Laterne flackert;
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Trüber Staub
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Wogt vorbei;
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Rauschend, schaudernd schwanken
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Des Parkes dunkle Wipfel;
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Der weiße Blütenbusch
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Sträubt entsetzt die Zweige,
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Ringt mühesam zu fliehen
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Und duckt sich sausend, klagend:

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»nun packt der Sturm mein schwankes Holz
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Und schüttelt mich mit grimmer Faust;
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Das junge Laub, den zarten Zweig
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Trifft prasselnder Hagel, derbes Eis,
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Und schlägt die weißen Blüten nieder
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Zur gefallenen Menschenblüte.«

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Grell am Himmel zuckt ein Blitz
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Und flammt durch alle Wolken
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Und flammt hernieder blendend
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Durch des dumpfen Schläfers
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Geschlossne Augenlider
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In einen wüsten Traum.

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Und der Mann auf hartem Stein
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Hebt verstört vom wüsten Traum
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Sein wirres Haupt empor,
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Richtet stöhnend schwer sich auf
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Und blickt mit wilden Augen
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Hinan zu flammenden Wolken
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Und sieht statt flammender Wolken
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Zornglühende Gesichter,
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Geballte Riesenfäuste,
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Hört es droben krachen
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Gleich zersprengtem Erze
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Und dröhnen dumpf wie stürzende Mauern
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Und hört vom stolzen Hause
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Aus erhellten Fenstern
106
Musik wie perlendes Glück
107
Durch das tobende Wetter höhnisch klingen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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