Wolke – du weiße Taube im Blauen –

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Bruno Wille: Wolke – du weiße Taube im Blauen – Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Wolke – du weiße Taube im Blauen –
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Willst du mich locken zu seligem Fluge
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Über die jugendfröhlichen Wiesen,
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Über der Wälder jubelnde Häupter,
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Über den spiegelnden See? –
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Ach ich kann nicht schwärmen wie eh'.
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Über Wiesen, über Wälder
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Seh ich finstre Schatten gleiten,
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Trauerschatten ... mir wird so weh.

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Wie ein Wandrer,
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Der zur sterbenden Mutter eilt,
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Vor Sorge nicht sieht die Gärten am Wege,
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Und der Bäume, der alten Freunde,
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Grüßendes Flüstern überhört:
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So schwebt vom deutenden Hügel
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Meine seufzende Seele
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Achtlos über den Reiz der Flur
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Zur fern gelagerten Stadt
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Und umfängt die trübe Stadt
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Mit leidender Liebe –
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Wie der weinende Wandrer
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Die kranke Mutter.

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Leidende Liebe!
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Kränze mein williges Haupt
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Mit dornigen Träumen,
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Laß mein durstendes Auge trinken
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Meiner Geschwister Leiden! –
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Mit Geliebten Leiden ist süß,
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Und Vergessen ist Sünde.

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Trübe Stadt, mürrische Schaar
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Schwärzlicher Dächer in Dunst gehüllt,
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Steinerne Nester brütender Uebel,
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Feuchte Kerkermauern,
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Bange Krankenkammern
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Meiner bleichen Geschwister! ...

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Dort am engen Giebelfenster
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Trauert ein blasses Mädchengesicht
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Gleich welkender Blume geneigt;
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Durch die schmalen Finger
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Schleicht der Faden schlangenhaft
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Und heftet die matte Hand
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An das peinliche Gewebe.
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Finster wie ein Sklavenvogt
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Schaut vom Hofe die Mauer zu.

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Drunten im sonneschmachtenden Hofe
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Sitzt auf kühlen Steinen ein Kind
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Träumerischen Auges
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Und spielt mit Hölzchen
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Und pflanzt die Hölzchen in spärliche Erde
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Und baut ein Gärtchen
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Im sonneschmachtenden Hofe.
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Heimlich aber schleicht das Siechthum
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Und küßt des Kindes Wange.

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Wo ist des Kindes Mutter?
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Sie krümmt den schmerzenden Rücken
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Am dunstigen Waschfaß,
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Bis die barmherzige Nacht
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Die müde Hand ergreift.

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Der Vater aber steht
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Auf staubiger Straße im Sonnenbrand
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Und schwingt mit braunen Armen
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Den eisenbereiften Stampfer
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Zum Stoß auf ächzende Steine,
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Um zu ersticken
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Der Erde keimende Sehnsucht,
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Halm und Blumen. –
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Und Mutter Erde lockte so gern
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Die Menschenkinder mit Halm und Blumen
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Zu Kindesliebe und Kindesglück ...

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O dornige Träume,
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Schmiegt euch heiß und heißer
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Um die Erlösung grübelnde Stirn.
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Wilder lodre mein Sehnen,
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Lauter rufe mein Flehen:
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Erlösender Tag, erwache!

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Früher hebt der erlösende Tag
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Dann vom Schlaf sein muthiges Haupt;
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Himmlisches Licht
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Regnet auf die schmachtende Stadt
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Die finstern Dächer vergoldend;
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Wonnige Luft in Strömen
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Bespült die dumpfigen Mauern
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Und scheucht aus steinernen Nestern
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Dunkle Wolken gespenstischer Vögel.

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O selig,
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Zu öffnen die Thore der Stadt,
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Genesende Geschwister
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Zu führen an den Händen
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Zur mutterglücklichen Natur,
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Die mit heißem Sonnenmunde
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Die bleichen Kinder küßt!

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Dann schwärmen wir
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Hand in Hand,
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Gelockt von fliegenden Wolken,
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Den weißen Tauben im Blauen,
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Über die jugendfröhlichen Wiesen,
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Über der Wälder jauchzende Häupter,
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Über den wonnespiegelnden See.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Bruno Wille
(18601928)

* 06.02.1860 in Madgeburg, † 31.08.1928 in Schloss Senftenau in Aeschach

männlich, geb. Wille

deutscher Prediger, Journalist und belletristischer sowie populärphilosophischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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