Wie die Lieder wirbelnd erklingen!

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Hugo von Hofmannsthal: Wie die Lieder wirbelnd erklingen! Titel entspricht 1. Vers(1891)

1
Wie die Lieder wirbelnd erklingen!
2
Wie sie fiedeln, zwitschern und singen!
3
Wie aus den Blicken die Funken springen!
4
Wie sich die Glücklichen liebend umschlingen!
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Jauchzend und schrankenlos,
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Sorglos, gedankenlos
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Dreht sich der Reigen,
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Der Lebensreigen. –
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Ich muß schweigen,
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Kann mich nicht freuen,
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Mir ist so angst ...

12
Finster am Bergesrand
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Wandelt die Wolke,
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Hebt sich des Herren Hand
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Dräuend dem Volke:
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Und meine Augen, sie sehens alleine,
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Und meine Sorgen verstehens alleine ...
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Es fiel auf mich in der schweigenden Nacht,
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Und es läßt mich nicht los,
20
Wie dumpfer hallender Glockenlaut,
21
Es folgt mir durch die Frühlingspracht,
22
Ich hör es durch der Wellen Getos:
23
Ich habe den Frevel des Lebens geschaut!

24
Ich sah den Todeskeim, der aus dem Leben sprießt,
25
Das Meer von Schuld, das aus dem Leben fließt,
26
Ich sah die Fluten der Sünden branden,
27
Die wir ahnungslos begehen,
28
Weil wir andere nicht verstanden,
29
Weil uns andere nicht verstehen.

30
O flöge mein Wort von Haus zu Haus,
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Dröhnend wie eherne Becken,
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Gellend durch das Alltagsgebraus,
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Die Welt aus dem Taumel zu wecken,
34
Mit bebendem Halle
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Zu fragen euch alle:

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Dichter im Lorbeerkranz,
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Betrogner Betrüger,
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Wärmt dich dein Ruhmesglanz,
39
Macht er dich klüger?!
40
Deuten willst du das dämmernde Leben,
41
Im Herzen erlösen das träumende Streben?

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Kannst du denn noch verstehen,
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Was du selber gestern gedacht,
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Kannst du noch einmal fühlen
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Den Traum der letzten Nacht?
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Wenn deine Seele weinet,
47
Weißt du denn auch warum?
48
Dir ahnt und dünkt und scheinet, –
49
Oh, bleibe lieber stumm.

50
Denn was dein Geist, von Glut durchzuckt, gebar,
51
Eh dus gestaltet, ists schon nicht mehr wahr.
52
Es ward dir fremd, du kannst es nicht mehr halten,
53
Kennst nicht seine tötenden Gewalten:

54
Endlose Kreise
55
Ziehet das leise
56
Unsterbliche Wort,
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Fort und fort.

58
Wie es tausendfach gedeutet
59
Irrlichtgleich die Welt verleitet,
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Schmeichelnd die Seelen betöret,
61
Tobend die Seelen zerstöret,
62
Ewig seine Form vertauschend,
63
Durch die Zeiten vorwärtsrauschend,
64
Nachempfunden, nachgehallt,
65
Seellos wogt und weiterwallt,
66
Ewig unverstanden taumelt,
67
Ruh- und friedlos immerzu,
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Deines Geists verfluchtes Kind,
69
Unsterblich wie du!

70
Gatte der jungen Frau,
71
Hast du es auch bedacht,
72
Als um dich liebelau
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Rauschte die erste Nacht,
74
Als du sie glühend an dich drücktest,
75
Daß du vielleicht ihre Seele ersticktest?
76
Daß vielleicht, was in ihr schlief,
77
Nach einem Andern angstvoll rief,
78
Um dens ihr unbezwinglich bangte,
79
Nach dem ihr ganzes Sein verlangte?

80
Daß dein Umfangen vielleicht ein Zerbrechen,
81
Daß dein Recht vielleicht ein Verbrechen? ...

82
Nimm dich in acht!
83
Seltsame Kreise
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Spinnen sich leise
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Aus klagenden Augen
86
Und sie saugen
87
An deinem Glück!
88
Einen Andern
89
Hätten die Kreise
90
Golden umgeben,
91
Kraft ihm entzündend,
92
Liebe verkündend;
93
Dich aber quälen sie,
94
Schweigend erzählen sie
95
Dir von Entbehrung,
96
Die du verschuldet hast,
97
Dir von Entehrung,
98
Die du geduldet hast,
99
Und von Wünschen, unerfüllbar,
100
Und von Sehnsucht, die unstillbar
101
Ihr betrognes Herz durchbebt,
102
Wie die Ahnung des Verlornen,
103
Die um blasse Kinderwangen
104
Und um frühverwelkte Blumen
105
Traurig und verklärend webt.

106
Reicher im goldnen Haus,
107
Fühlst du kein Schauern?
108
Dringt nicht ein Stimmgebraus
109
Dumpf durch die Mauern?
110
Die da draußen frierend lungern,
111
Dich zu berauschen, müssen sie hungern,
112
Ihre gierigen Blicke suchen dich,
113
Ihre blassen Lippen verfluchen dich,
114
Und ihr Hirn mit dumpfem, dröhnendem Schlag,
115
Das schmiedet, das schmiedet den kommenden Tag.

116
Priester, du willst die Seele erkennen,
117
Willst Gesundes vom Kranken trennen,
118
Irrt dein Sinn oder lügt dein Mund?
119
Was ist krank?! Was ist gesund?!

120
Richter, eh du den Stab gebrochen,
121
Hat keine Stimme in dir gesprochen:
122
Ist das Gute denn nicht schlecht?
123
Ist das Unrecht denn nicht Recht?

124
Mensch, eh du einen Glauben verwarfst,
125
Weißt du denn auch, ob du es darfst?
126
Wärest du tief genug nur gedrungen,
127
Wär dir derselbe Quell nicht entsprungen?

128
Keiner ahnet, was er verbricht,
129
Keiner die Schuld und keiner die Pflicht.
130
Darfst du leben, wenn jeder Schritt
131
Tausend fremde Leben zertritt,
132
Wenn du nicht denken kannst, nichts erspüren,
133
Ohne zu lügen, zu verführen!
134
Wenn dein bloßes Träumen Macht ist,
135
Wenn dein bloßes Leben Schlacht ist,
136
Dunkles Verderben dein dunkles Streben,
137
Dir selbst verborgen, so Nehmen wie Geben!

138
Darfst du sagen »Ich sehe«?
139
Dich rühmen »Ich verstehe«?
140
Dem Irrtum wehren,
141
Rätsel klären,
142
Du selber Rätsel,
143
Dir selber Rätsel,
144
Ewig ungelöst?!

145
Mensch!
146
Verlornes Licht im Raum,
147
Traum in einem tollen Traum,
148
Losgerissen und doch gekettet,
149
Vielleicht verdammt, vielleicht gerettet,
150
Vielleicht des Weltenwillens Ziel,
151
Vielleicht der Weltenlaune Spiel,
152
Vielleicht unvergänglich, vielleicht ein Spott,
153
Vielleicht ein Tier, vielleicht ein Gott.
154
– – – – – – – – – – – – – – –

155
Wohl mir, mein müder Geist
156
Wird wieder Staub,
157
Wird, wie der Weltlauf kreist,
158
Wurzel und Laub;
159
Wird sich keimenden Daseins freuen,
160
Frühlingstriebe still erneuen,
161
Saftige Früchte zur Erde streuen;
162
Freilich, sein spreitendes Dach zu belauben,
163
Wird er andern die Säfte rauben,
164
Andern stehlen Leben und Lust:
165
Wohl mir, er frevelt unbewußt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hugo von Hofmannsthal
(18741929)

* 01.02.1874 in Wien, † 15.07.1929 in Rodaun

männlich, geb. von Hofmannsthal

| Schlaganfall

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

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