Der Mann sitzt dort am Weg schon lang, so lang

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Hugo von Hofmannsthal: Der Mann sitzt dort am Weg schon lang, so lang Titel entspricht 1. Vers(1890)

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Der Mann sitzt dort am Weg schon lang, so lang;
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Und ich bin so müd, und ich schliche so gern mich fort,
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Und es hält mich sein Blick mit leisem, festem Zwang
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Und mir ist, als müßt ich ihm sagen ein Wort ... und mir fehlt das Wort!

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Es dämmert. Draußen klirrt und rauscht die Stadt.
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Die Steine qualmen. Es ist dumpf und schwül.
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Der Werktag geht zur Neige, schlurfenden Schritts und matt.
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Hier aber, im Garten, ists leer und feucht und kühl.

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Jetzt steht er auf, der hagre alte Mann.
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Nein, nein, noch nicht ... Was schläft nur in den Augen,
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Den müdverschleierten ... mich hält ihr Bann ...
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Daß sie die Kraft mir aus der Seele saugen?

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So dämmern Augen, die der Tod umschleiert,
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Der langsame, der aus dem Leben quillt,
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Indes das Lied der Welt Entsagung leiert
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Und Ekel flutend durch die Seele schwillt.

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So zucken Lippen, wenn die Seele schreit,
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Nach einem Rausch, einem Glück, einem Glanz!
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Und was in mir schläft, verklungen, weit, so weit,
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Das regt sich erwachend in schmerzlichem Tanz.

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So zucken Lippen, wenn zu oft betrogen
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Mißtrauisch jedes Wort im Innern lauert,
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Wenn, die einst flügelschlagend ausgeflogen,
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Die Seele frierend jetzt zusammenkauert.

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Setz dich zu ihm und hör dem Atmen zu,
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Wie das gepreßt, verschüchtert durch die Brust ihm schleicht,
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Doch stör ihn nicht, er sehnt sich so nach Ruh ...
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Und nah ihm leise, er mißtraut dir leicht ...

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Kennt ihr den Mann? Nicht wahr, ihr kennt ihn nicht?
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Den alten Mann mit seiner scheuen Pein,
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Und doch trägt dies selbe vergrämte Gesicht
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Der eure auch, gehauen aus weißem Stein.

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Doch um ihn schimmert, den er tönend schuf,
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Der marmorweißen Geisteskinder Chor,
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Und seines Genius reichumkränzter Ruf
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Schlägt tausendzüngig heut an jedes Ohr.

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Das ist, was wahllos diese Welt verleiht,
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Was tosend durch das Reich der Zeiten wallt;
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Des Namens hallende Unsterblichkeit,
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Wie Erz so unvergänglich und so kalt.

41
Der Name, den der Enkel sinnlos nennt,
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Wie wir Vergangnes sinnlos mit uns tragen,
43
Der Formelwahn, der ehrt, was er nicht kennt:
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Das könnt ihr geben, das könnt ihr versagen.

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Doch was mich rührt und mich verwandt ergreift,
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Wobei mir unbewußt die Tränen kamen,
47
Was dämmernd mir vertraut im Innern reift:
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Das lebt, und wüßt auch keiner seinen Namen.

49
Aus unsern eignen Schmerzen sprichts uns an,
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Mitleidend können wir auch mitverstehen:
51
Das ist mein Wort für jenen alten Mann:
52
Es lebt der Schmerz, der Marmor wird vergehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hugo von Hofmannsthal
(18741929)

* 01.02.1874 in Wien, † 15.07.1929 in Rodaun

männlich, geb. von Hofmannsthal

| Schlaganfall

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

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