Was ihr so Stimmung nennt, das kenn ich nicht

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Hugo von Hofmannsthal: Was ihr so Stimmung nennt, das kenn ich nicht Titel entspricht 1. Vers(1890)

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Was ihr so Stimmung nennt, das kenn ich nicht
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Und schweige still, wenn einer davon spricht.
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Kann sein, daß es ein Frühlingswogen gibt,
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Wo Vers an Vers und Bild an Bild sich flicht,
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Wenns tief im Herzen glüht und schäumt und liebt ...
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Mir ward es nie so gut. Wie Schaum zerstiebt

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Im Sonnenlicht mir jede Traumgestalt,
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Ein dumpfes Beben bleibt von der Gewalt
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Der Melodie, die ich im Traum gehört;
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Sie selber ist verloren und verhallt,
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Der Duft verweht, der Farbenschmelz zerstört,
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Und ich vom Suchen matt, enttäuscht, verstört.

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Doch manchmal, ohne Wunsch, Gedanke, Ziel,
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Im Alltagstreiben, mitten im Gewühl
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Der Großstadt, aus dem tausendstimmgen Chor,
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Dem wirren Chaos, schlägt es an mein Ohr
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Wie Märchenklang, waldduftig, nächtigkühl,
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Und Bilder seh ich, nie geahnt zuvor.

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Das Nichts, der Klang, der Duft, er wird zum Keim,
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Zum Lied, geziert mit flimmernd buntem Reim,
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Das ein paar Tage im Gedächtnis glüht ...
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Mit einem Strauß am Fenstersims verblüht
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In meines Mädchens duftig engem Heim ...
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Beim Wein in einem Trinkspruch flüchtig sprüht ...

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So faß ich der Begeistrung scheues Pfand
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Und halt es fest, zuweilen bunten Tand,
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Ein wertlos Spielzeug, manchmal – selten – mehr,
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Und schreibs, wo immer, an der Zeitung Rand,
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Auf eine leere Seite im Homer,
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In einen Brief – (es wiegt ja selten schwer) ...

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Ich schrieb auch schon auf eine Gartenbank,
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Auf einen Stein am Quell, daraus sie trank,
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Auf bunte Schleifen buntre Verse schier,
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Auf einer Birke Stamm, weißschimmernd, blank,
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Und jüngst auf ein zerknittert Stück Papier
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Mit trockner Inschrift, krauser Schnörkelzier:

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Ein Fetzen Schuld, vom Staate aufgehäuft,
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Wie's tausendfach durch aller Hände läuft,
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Dem einen Brot, dem andern Lust verschafft,
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Und jenem Wein, drin er den Gram ersäuft;
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Gesucht mit jedes erster, letzter Kraft,
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Mit List, in Arbeit, Qualen, Leidenschaft.

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Und wie von einem Geisterblitz erhellt,
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Sah ich ein reich Gedränge, eine Welt.
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Kristallklar lag der Menschen Sein vor mir,
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Ich sah das Zauberreich, des Pforte fällt
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Vor der verfluchten Formel hier,
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Des Reichtums grenzlos, üppig Jagdrevier.

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Der Bücher dacht ich, tiefer Weisheit schwer,
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Entrungen aus des Lebens Qualenmeer,
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Der Töne, aus der Sphären Tanz erlauscht,
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Der Bilder Farbenglut, Gestaltenheer,
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Der Becher Weins, daraus Begeistrung rauscht,
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All' für das Zauberblättchen eingetauscht.

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Der harten Arbeit untertän'ge Kraft,
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Erlogner Liebe Kuß und Leidenschaft,
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Die Jubelhymne und des Witzes Pfeil,
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Was Kunst und was Natur im Wettkampf schafft,
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Feil! alles feil! die Ehre selber feil!
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Um einen Schein, geträumter Rechte Teil!

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Und meiner Verse Schar, so tändelnd schal,
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Auf diesem Freibrief grenzenloser Qual,
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Sie schienen mir wie Bildwerk und Gezweig
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Auf einer Klinge tödlich blankem Stahl ...
65
– – – – – – – – – – – – – – – – – –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hugo von Hofmannsthal
(18741929)

* 01.02.1874 in Wien, † 15.07.1929 in Rodaun

männlich, geb. von Hofmannsthal

| Schlaganfall

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

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