Am Ende

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Marie Ebner-Eschenbach

Am Ende (1897)

Scene in einem Aufzug

Uraufführung1897

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Unbenannter Akt

Dekoration. Orangerie in Verbindung mit den Zimmern des Erdgeschosses. Glaswände. Eingänge zu beiden Seiten; in der Mitte große, offenstehende Flügelthür. Aussicht auf den Garten. Gruppen von Orangenbäumen, Palmen, Araukarien, Blattgewächsen. Rechts ein Etablissement, bequeme Möbel mit Strohgeflecht; links ein gedecktes Tischchen, daneben ein Fauteuil mit Fußbank.
In der Ferne verhallender Kirchengesang. Schluß des Meßliedes. Die Fürstin kommt, begleitet von Landleuten und Armen. Sie spricht lebhaft mit ihnen, einige entfernen sich lachend, die andern dankend. Kammerdiener und Kammermädchen, gleichfalls aus der Kirche kommend, sind vorangegangen, erwarten die Fürstin an der Thür und folgen ihr, wenn sie eintritt. Sie trägt einen einfachen Anzug, der die Mode nur markiert: dunkelgraues Foulardkleid, ein weißes Spitzentuch, eine Sommerkapotte.
Kammermädchen.
Durchlaucht brauchen wirklich keine Haube bei der Hitze. Haben noch so schöne Haare.
Klothilde.
So schön weiße. Setzen Sie mir meine Haube nur auf, wenn nicht zu Ehren einer Glatze, zu der meiner sechzig Jahre.
Kammermädchen
reicht ihr einen Handspiegel.
Ich bitte, Durchlaucht.
5
Klothilde
ablehnend.
Ich danke, mein Fräulein. Ich verlasse mich auf Ihre Kunst. Nicht immer mit Recht. Gestern zum Beispiel, habe ich den ganzen Tag das Gefühl eines Mangels an Gleichgewicht gehabt, und, wie ich abends an einem Spiegel vorübergehe, seh' ich, daß meine Haube auf dem linken Ohr sitzt!
Kammermädchen.
Da muß sie – gerade gerutscht sein ...
Klothilde.
Das heißt – schief ist sie gerutscht. Entgleisung. Jenun, so etwas kommt nicht nur bei Hauben vor.
Kammerdiener
hat das Frühstück gebracht, disponiert alles, auch eine Anzahl Briefe, mit äußerster und prätentiöser Sorgfalt auf dem Tische links.
10
Klothilde
hinzutretend.
Briefe?
Kammerdiener.
Geschäfts-, Bettel-, Familienbriefe.
Mit freudig verklärtem Gesicht.
Von Gräfin Ernestine, von Fürst Erwein!
15
Klothilde.
Gute Kinder! Kein Tag ohne einen Gruß an die Mama.
Wägt einen der Briefe in ihrer Hand.
Der ist von meiner Tochter.
Kammerdiener
mit bedauerndem Achselzucken.
Strafporto.
20
Klothilde.
Natürlich und Gottlob. Mein Sohn macht's kürzer. Auch natürlich. Wenn man im Lager ist, mein Herr Major, mein lieber, alter Junge.
Oeffnet den Brief, will lesen.
Anna, meine Brille.
Kammermädchen bringt eine große Hornbrille mit runden Gläsern. Entlassender Wink. Kammermädchen nimmt den Hut und das Spitzentuch und geht ab.
Kammerdiener.
Fräulein Zedwin hat angefragt, wann sie kommen darf, die Zeitungen vorlesen.
25
Klothilde.
Steht etwas Interessantes drin?
Kammerdiener
verschämt.
O – Durchlaucht! – –
Klothilde.
Genieren Sie sich nicht, – ich weiß ja, wer meine Zeitungen zuerst liest und gönne Ihnen diese Priorität. Nun, Herr Politiker? ...
Kammerdiener.
Durchlaucht – Krieg in Amerika, Krieg in Afrika – Wahlbewegungen – Grubenbrände ... Arbeiterstrike ...
30
Klothilde
bedeckt einen Augenblick das Gesicht mit den Händen.
Schrecklich! Schrecklich! – Die Sendungen nach Ostrau sind doch fort?
Kammerdiener.
Gestern, Durchlaucht. – Das Fräulein darf kommen – –
Klothilde.
Um Zwölf ... Warten Sie! – um halb Eins. Auch noch Zeit, von dem Elend in der Welt zu hören.
Kammerdiener.
Zu Befehl, Durchlaucht.
35
Ab.
Klothilde
allein. Sie hat die Brille aufgesetzt. Liest; gießt Thee in ihre Tasse, nimmt ein paar Löffel und liest wieder.
»Hoffentlich geht es Dir gut, gute, gute Mama ...« – Eins, drei, fünf Ausrufungszeichen. Wie kleine Reitpeitschen. – »Mir ausgezeichnet. Rasend zu thun. Küsse hunderttausendmal Deine Hände. Dein treuer Sohn.« – Treu, ja ja – mir wenigstens ... Und nun Du, mein Sonnenkind.
Oeffnet den zweiten Brief. Vier dicht beschriebene Blätter.
Da ist ein Herz voll Liebe einmal wieder übergegangen.
40
Streichelt den Brief, legt ihn auf ihren Schoß, ißt und trinkt.
O Jugend, du glückselige, du reiche! – wie schön ist's, jung zu sein! ... Aber alt zu sein – wie bequem!
Sie lehnt sich behaglich in ihren Sessel zurück; liest.
»Einzige, Angebetete«
Lächelt.
45
Nun ja, nun ja, die erste Seite darf ich nie lesen – aus Bescheidenheit.
Wendet.
»Sei nur nicht bös ... Du hast Ueberraschungen nicht gern, – verzeih!« ... Wenn sie gar so innig um Verzeihung bittet, hat sie immer etwas Allerliebevollstes im Sinn.
Rasch.
Sie schickt mir einen meiner Enkel ... kommt vielleicht selbst.
50
Kammerdiener
kommt eilig, verstört.
Durchlaucht – ein Besuch ...
Klothilde
freudig.
Eines der Kinder? oder ...
Kammerdiener
stimmlos.
55
Durchlaucht – der Fürst Seinsburg ...
Klothilde
springt auf.
Mein Sohn!
Besinnt sich.
Unmöglich, – er ist ja im Lager.
60
Kammerdiener
immer noch außer Fassung.
Durchlaucht, es ist nicht – es ist ... Er hat seine Karte – –
Ueberreicht eine Visitenkarte.
Klothilde
wirft einen Blick darauf; konsterniert.
Mein Mann!
65
Kammerdiener
wie früher.
Seine Durchlaucht fragen, ob Ihre Durchlaucht ...
Klothilde
nach einer Pause, mit Selbstüberwindung.
Sie will es, – das Kind will es ... und auch mein alter Junge ... Ich weiß ja – Euer innigster Wunsch ... Nun denn, Euch zuliebe. Ich lasse bitten.
Kammerdiener ab. Klothilde setzt sich, legt die Brille auf den Tisch.
70
Erwein
kommt. Eleganter, jugendlicher Reiseanzug. Haare und Bart gefärbt. Etwas zu enge, lichtbraune Schuhe. Er bleibt einen Augenblick zögernd an der Thür stehen. Für sich.
Traurig verändert; eine Greisin. Ja die Frauen! – vergängliche Gebilde.
Tritt langsam, mit gespielter Unbefangenheit auf Klothilde zu. Verneigung.
Fürstin ...
Klothilde.
Fürst Seinsburg ...
75
Erwein
ratlos, wie er das Gespräch einleiten soll.
Meine Tochter, von der ich komme, trägt mir auf ... sie hat mich gebeten ...
Klothilde.
Gewiß auch mich – in diesem Briefe. Ich habe ihn noch nicht gelesen.
Sehr unsicher.
Setzen Sie sich; Sie sind vielleicht müde von der Reise?
80
Erwein.
Müd' – ich? Nie! Aber mit Ihrer Erlaubnis.
Setzt sich auf einen Sessel rechts.
Klothilde
sieht ihn fortwährend aufmerksam an, was ihn in Verlegenheit setzt.
Wie jung Sie geworden sind in den vielen Jahren! – Zwanzig und einige drüber ...
Erwein
gereizt.
85
Ich durchlebe die Jahre, ich zähle sie nicht. – Meine Tochter meint, daß ich mir erlauben dürfe ...
Sucht nach Worten, findet sie nicht.
einmal einige Augenblicke – auf der Fahrt nach Paris ...
Klothilde.
Sie fahren also immer noch nach Paris? Nicht zum Perruquier, wie ich mit Vergnügen sehe, – aber – aber – zum Coiffeur!
Erwein
zieht sein Taschentuch, wischt sich die Stirn, auf der einige schwarze Streifen entstehen.
90
Es ist eine Hitze in diesen Waggons!
Klothilde.
Und in diesen Herbsttagen, die sich auf die Hundstage spielen ... Den Parfumeur besuchen Sie auch. Da werden neue Vorräte gemacht. Und ich, denken Sie, ich kann Parfums noch immer nicht leiden!
Erwein
steckt das Taschentuch rasch ein.
Schade; ein Genuß weniger.
Klothilde.
Was liegt dran? Man hat ihrer im Alter so viele –
95
Erwein.
Viele? ... Das Neueste. Sie waren immer originell.
Klothilde.
Den Anspruch habe ich aufgegeben, wie jeden andern. Von den aufgegebenen Ansprüchen kommen die Genüsse. Und mehr noch! Ein Anspruch zieht zur Thür hinaus, – ein Glück fliegt zum Fenster herein. So wird das Alter – das schönste Alter. – Darf ich Ihnen eine Tasse Thee antragen?
Erwein.
Ich danke, ich habe gefrühstückt.
Kleine Pause.
Klothilde.
Nach Paris also. Ja, die Pariser Cosmetiques! Sie haben so viel Anhänger wie die falschen Propheten. Glauben Sie mir oder nicht, Sie gebrauchen da eine Sorte, – die bekämen Sie in Lundenburg auch.
100
Erwein
nicht verstehend.
Sorte? Lundenburg?
Klothilde.
Neben Ihnen liegt ein Spiegel. Bitte, bedienen Sie sich.
Erwein
hält den Spiegel vor, anfangs nah, dann immer weiter und weiter. Im ersten Augenblick bestürzt. Nimmt dann die Sache mit Humor.
Man ist doch recht schlecht bedient ... Empfehlung meines Kammerdieners, da die Nachhülfe aus Paris anfing zu verblassen ... Ich bitte um Entschuldigung.
105
Steht auf. Ein Schmerz im Fuße macht ihn zusammenzucken.
– Wo könnte ich Waschwasser ...
Klothilde.
Sie finden alles, was Sie brauchen, in den Zimmern meines Sohnes, den Zimmern rechts.
Erwein.
Da? – dort? Links?
Klothilde
vor sich hin.
110
Schwerhörig ist er auch geworden.
Etwas lauter.
Die Stiege hinauf, dann
Mit Handbewegung.
nach rechts.
115
Erwein.
Danke, Danke!
Ab nach rechts.
Klothilde
allein.
Wie habe ich den Mann geliebt – und was ist aus ihm geworden, was haben sie aus dem brillanten, unwiderstehlichen Seinsburg gemacht, diese ...
Unterbricht sich jäh. Lächelnd.
120
Wenn ich ihn doch aus seinen ledernen Fußangeln befreien könnte! Ich weiß nicht, kommt es nur von der Chaussure, aber sehr vergnügt sieht er nicht aus, der arme Freudenjäger.
Setzt die Brille auf, liest eine Weile in dem Brief ihrer Tochter.
Du braves Kind, wie zärtlich und – wie klug! Wie bemüht, mein Mitleid zu erwecken. O Kind, das Mitleid ist schon wach: Geschminktes Alter, trauriges Alter!
Liest.
»Dieser arme Papa, er hat herbe Enttäuschungen erlitten.«
125
Gesprochen.
Ja, ja – davon hört ich auch, das beeilten sie sich mir zu erzählen – seine Freunde.
Liest.
»Nicht heute, nicht gestern, vor langer Zeit schon erlitten und – nicht verwunden, nur mit Stolz ertragen ...«
Gesprochen.
130
Sie bewundert ihn noch.
Liest.
»Er klagt natürlich nicht, aber man hört und man – sieht. O Mutter, er sehnt sich mehr als er jemals eingestehen würde, nach dem stillen Zuhause, das er einst übermütig verlassen hat!« – übermütig – nennt sie das? Ein sehr mildes Wort.
Schüttelt den Kopf, liest weiter.
»Ich sage ihm: Papa, klopf' an! Klopf' an! Die Allgütige thut Dir auf.«
135
Erwein
kommt zurück. Das Gesicht ist gewaschen, die Haare, etwas in Unordnung geraten, sind an den Wurzeln grau.
Das ist ja sehr hübsch da droben. Mein Sohn ist vortrefflich etabliert. Wirklich beneidenswert.
Klothilde.
Einfach, militärisch, wie er es liebt; keine Ueberflüssigkeiten.
Erwein.
Hat recht. Diese Ueberflüssigkeiten – man findet täglich neue, die einem unentbehrlich sind – drücken einen endlich aus dem Hause.
Klothilde.
Und ich will meinen Sohn ins Haus hinein ziehen.
140
Erwein.
Das ist auch mein Wunsch, und auch bei mir findet mein Sohn seine Zimmer bereit, so oft er sich ankündigt ...
Klothilde
schonend.
Bei mir braucht er sich eben nicht erst ankündigen. Er ist stündlich erwartet und willkommen.
Erwein
nach einer Pause.
Ja, Sie sind immer eine gute Mutter gewesen.
145
Klothilde.
Ich wäre auch eine gute Frau gewesen ... Nein! kein »wenn.« Wer nicht bewiesen hat, soll nicht sagen, daß er bewiesen hätte. – Lieber Fürst, Sie schenken mir doch eine Stunde?
Erwein
ritterlich.
Schenken? Ich bin's, der sich beschenkt fühlt, wenn Sie mir so lang Gastfreundschaft gewähren ... Um ein Uhr würde ich dann zum Schnellzug auf die Station fahren, wo ich meinen Diener mit meinen Reiseeffekten zurückgelassen habe.
Klothilde.
Mit allen Ihren Reiseeffekten?
Erwein.
Ja.
150
Klothilde.
Schade!
Erwein.
Warum?
Klothilde.
Weil ich vermute, daß sich in Ihrer Reisetasche ein Paar fußfreundliche Slippers befinden, die Sie ...
Erwein
fällt ihr ins Wort.
Slippers? Ich? Nie! Ich kenne Slippers nur vom Sehen.
155
Klothilde.
Aber vielleicht lassen Sie sich aus Rücksicht auf den Behaglichkeits-Kultus, der bei mir getrieben wird – für die Stunde, die Sie hier zubringen – zu einem Anlehen bei der Garderobe meines Sohnes herab ...
Die Hand auf dem Drücker der elektrischen Glocke.
Darf der Diener Ihnen behilflich ...
Erwein
rasch.
Nie! Dafür dank' ich
160
Mit Bitterkeit.
vorläufig noch.
Ab nach rechts.
Klothilde
sieht ihm nach.
Sechsundzwanzig Jahre! Es macht einem einen Eindruck. – In Haß geschieden, fest entschlossen, lieber zu sterben als einander jemals wiederzusehen. Es geschieht – und man überlebt's, man hat sogar ein Dankgefühl ... Meine Tochter schickt ihn. Ich habe noch niemandem die Thür gewiesen, den sie geschickt hat. Soll ich mit ihrem Vater den Anfang machen? Ach, die Kinder, – die sind eine Macht!
165
Vertieft sich wieder in den Brief.
Erwein
kommt, bleibt auf der Schwelle stehen und betrachtet die Fürstin ernst und aufmerksam. Plötzlich sich aufraffend tritt er vor. Sehr behaglich in einem weiten Uniformpaletot, in großen Schuhen. Schlenkert mit den Füßen.
Das muß man meinem Sohne lassen. Füße hat er – von erster Größe.
Klothilde.
Wie schreitet sich's aber mit ihnen aus! Wie steht man da!
Erwein.
Und der Paletot!
170
Schlägt ihn übereinander.
Das soll militärisch sein? Schlafrockartig ist's.
Klothilde.
Auch in einer weiten Uniform kann ein kühner Soldat stecken ... Möge die Gelegenheit dazu nie kommen, nie! Wenn sie aber unglückseliger Weise käme – mein Sohn würde dieselbe an Tollheit grenzende Tapferkeit beweisen, die seinen Vater berühmt gemacht hat.
Erwein.
Berühmt? O, das ist zu viel. Und überhaupt – rechnen Sie einem Mann Tapferkeit zum Verdienst an? Wenn ich eine Frau wäre, fände ich physischen Mut bei einem Manne selbstverständlich, moralischen Mut aber achtungswert.
Klothilde.
Was nennen Sie moralischen Mut? Den Kampf gegen allerlei Versuchungen, allerlei Velleitäten ...
175
Erwein.
Den Widerstand gegen schöne verlockende Reminiszenzen.
Fräulein Zedwin kommt. Erwein stramm, wirft ihr einen Blick voll Bewunderung zu. Zur Fürstin:
Bitte, stellen Sie mich vor.
Klothilde.
Fürst Seinsburg. Fräulein Zedwin.
Zedwin.
zu ihm.
180
Vorleserin der Frau Fürstin.
Zu ihr.
Wann befehlen, Durchlaucht?
Klothilde.
In einer Stunde, wenn Sie so gut sein wollen, liebes Kind.
Zedwin.
Erfurchtsvolle Verbeugung vor der Fürstin, abweisende Verbeugung vor dem Fürsten. Ab.
185
Erwein.
Eine unangenehme Person!
Klothilde.
Ich habe sie lieb. Leider verliere ich sie bald. Sie ist Braut.
Erwein.
Ah – deshalb ...
Klothilde.
Nicht – deshalb. Sie hat nur keinen Sinn für eine gewisse Art von Liebenswürdigkeit, sie wünscht nicht, »schöne verlockende Reminiszenzen« zu wecken.
Erwein.
Hm!
190
Beeilt, das Gespräch abzulenken.
Sie waren vorher ganz vertieft in einen Brief ...
Klothilde.
Von meiner Tochter. Wollen Sie ihn lesen?
Erwein
nimmt den Brief, hält ihn weit von sich. Will lesen, es geht nicht, er thut nur dergleichen.
Charmant! charmant! Sie schreibt charmant!
195
Klothilde.
Nur heute zufällig etwas undeutlich. Darf ich Ihnen meine Brille ...
Erwein.
Brille! – Ich? Nie!
Klothilde.
Meine Tochter schreibt charmant, aber sie wiederholt sich.
Erwein.
Was holt sie?
Klothilde
lauter.
200
Kommen Sie näher. Ich bin ein klein wenig schwerhörig.
Erwein
bedauernd.
O!
Gleich darauf, galant.
Davon bemerke ich nicht das Geringste.
205
Rückt einen Sessel in die Nähe des Fauteuils der Fürstin.
Klothilde.
Meine Tochter klagt fortwährend: »Was habe ich von meinen Eltern, ich sehe sie kaum!« und mein Sohn stimmt ein in den Jammer. Die beiden behaupten, sie hätten einen Beruf, der ihnen wenig Zeit für Vater und Mutter übrig läßt, und daß die wenige noch geteilt werden muß. ...
Erwein.
Bei der Teilung komme ich immer zu kurz. Meine Kinder teilen eben – nach ihrem Herzen.
Klothilde.
In dem Falle würden sie gleich teilen. Aber sie sind nicht ganz sicher, – fürchten vielleicht ...
Erwein.
Was fürchten sie? Meine Kinder sollen wissen, wem ihr Vaterhaus gehört, solang sie da sind, wem es überlassen wird, völlig, freudig, darin zu schalten und zu walten – solang ... Ach, je länger, je lieber! ... Aber wie lang halten sie's denn bei mir aus? und – ich und die Einsamkeit, wir stehen auf einem miserablen Fuße ... In früheren Jahren hatten auch Sie keine besondere Neigung fürs Einsiedlerische. Wie halten Sie es jetzt? Wie verbringen Sie die langen Herbstabende?
210
Klothilde.
Das weiß ich nicht. Ich habe nur kurze.
Erwein.
Hm! – Sie langweilen sich nie?
Klothilde.
Doch, manchmal, – wenn gewisse Besuche kommen.
Erwein.
Ja, ja. Sie haben viel Nachbarschaft hier herum. »Im dunkeln Laub die Landorangen glüh'n«.
Klothilde.
Es giebt einige genießbare darunter. Im ganzen hab' ich auch nicht zu klagen, diese Herrschaften nehmen Rücksicht auf mein hohes Alter und überlaufen mich nicht.
215
Erwein.
Gut, sehr gut, denn bei allem Geselligkeitsbedürfnis – es kann einem zu viel werden ... Auch mir. Wenn mir zum Beispiel ein Extrazug voll Saus und Braus und Champagnerräuschchen ins Haus fällt. Die lustige Bande hat soupiert von Mitternacht bis früh, will noch nicht schlafen gehen, sehnt sich nach frischer Luft. Hinaus aufs Land, zum Frühstück nach Seinsburg. Dort ist's immer lustig, dort ist man immer willkommen ... Es ist unglaublich, was die Leute sich einbilden. Aber neulich spielt' ich ihnen einen Streich. Ich ignorierte ihr Telegramm und entfloh zu meiner Tochter.
Klothilde.
Und der Heuschreckenschwarm fand das Haus leer.
Erwein.
Ich habe mich sehr wohl befunden bei meiner Tochter. Von Jahr zu Jahr wohler. Ich weiß nicht, wie das kommt. Meine Enkel sind allerliebst.
Klothilde.
Die meinen auch.
Erwein.
Und meine Tochter ...
220
Klothilde.
Eine prächtige Frau. Und so glücklich!
Erwein.
Nun das – ist ein Glück.
Klothilde.
Das höchste Glück, – es wird uns noch als Verdienst angerechnet.
Erwein.
Die kleine Klodi war etwas unwohl, als ich abreiste.
Klothilde.
So? Es hat doch nichts zu sagen?
225
Erwein.
Meine Tochter meint: nein. Aber ihr Mann ist so ängstlich. Er hat den Arzt rufen lassen. Sie will mir noch hierher telegraphieren, wenn der Doktor die leiseste Besorgnis äußert.
Kammerdiener
kommt.
Durchlaucht, der Kutscher bittet. Wenn Durchlaucht zurecht kommen wollen zum Schnellzug, dürfte es bald Zeit sein ...
Erwein
fällt ihm ins Wort.
Bald! Bald! ... Er soll sich gedulden. Ich brauche seine Ermahnungen nicht.
230
Kammerdiener ab. Pause.
Klothilde, was halten Sie von gebrochenen Schwüren?
Klothilde.
Daß sie eine große Aehnlichkeit mit Lawinen haben. Wenn die einmal ins Rollen kommen, ist kein Halten mehr.
Erwein.
Wir haben geschworen, einander nie wiederzusehen, und – da bin ich.
Bittend.
235
Lassen wir die Lawine weiterrollen.
Klothilde.
Wie weit?
Erwein
zögernd.
Meinen Kindern wird es schwer, ihre Zeit zwischen Vater und Mutter zu teilen ... Wenn man es ihnen nur möglich machen könnte, beide Eltern zugleich –
Ratlos, wie er sich ausdrücken soll.
240
Helfen Sie mir doch! Sie wissen, was ich sagen will!
Klothilde.
Mein Sohn kommt hierher nach den Manövern, – da sind Sie in Paris.
Erwein.
Ich muß ja nicht nach Paris! ... Uebrigens bleibe ich auf keinen Fall lang ... Meine Tochter hat mir versprochen, den Herbst bei mir zuzubringen.
Klothilde.
Bei Ihnen? ... den Herbst?
Erwein.
Kein Fest ohne meinen Schatz, die kleine Klodi ... Meine Tochter nimmt ihre Kinder mit – –
245
Klothilde.
Die Verräterin! Dasselbe hat sie mir versprochen!
Erwein.
Und wird Wort halten, und kommen
Nach kurzer Pause, zweifelnd, bittend.
– zu Ihnen, – nach Seinsburg.
Klothilde
bewegt und bemüht, es zu verbergen.
250
Was soll ich dort? Als Heuschreckenvertilgerin auftreten ... als eine Art Rattenmamsell?
Erwein.
Sie sollen sich dort behaglich fühlen, sollen leben, wie es Ihnen zusagt. Meine Kinder und ich werden uns bemühen, Ihnen den Aufenthalt angenehm zu machen. Klothilde! – Kommen Sie! Verzeihen Sie – vergessen Sie alles – alles!
Klothilde.
Eines will ich doch nie vergessen – daß ich in Seinsburg sehr glücklich gewesen bin.
Erwein.
Und ich, – wie glücklich durch Sie ...
Klothilde
fällt ihm ins Wort.
255
Davon sprechen wir nicht. Die Zeit, in der dieses Glück Ihnen genügte, war kurz. Wie kurz sie war, erfuhr ich spät; Sie haben die Rücksicht gehabt, es mir zu verbergen. Als ich mich nicht mehr täuschen lassen konnte, hieß es: Er ist eben, wie alle. Das sollte ein Trost sein. – Wie alle! – Er, den ich für etwas Einziges gehalten hatte! ...
Unterbricht sich, wieder kühl.
Nicht leicht zu verwinden das. Aber der Hochmutsteufel half. Es wäre schlimm, wenn einem nur das leichte gelänge. Ich nahm den Kampf auf ... Aber ich habe kein Talent zur Märtyrerin ... Der innere Bruch zwischen uns war vollzogen jahrelang, – endlich kam's zum äußern ...
Erwein
schmerzlich.
Durch meine Schuld, meine große Schuld! War ich nicht mit Blindheit geschlagen? War ich nicht wie das Kind, das die Wahl hatte zwischen der glühenden Kohle und dem sanft leuchtenden Edelstein – und das nach der Kohle griff? Unverzeihlich! Unverzeihlich!
260
Klothilde
fällt ihm ins Wort.
Nicht rekriminieren! Keine Vorwürfe, nicht gegen andere, nicht gegen sich selbst. Wir waren einmal, wie wir waren. Sie kein Heiliger, ich kein Engel.
Erwein.
Sie haben durch mich sehr gelitten ...
Klothilde.
Ich habe ... Aber denken Sie nur – nach der Trennung für immer, und nachdem ich alle Hoffnung aufgegeben hatte, was that ich? Ich unheilbare Optimistin fing sogleich von neuem zu hoffen an. – Lassen wir ihn sein Leben durchbrausen, sagte ich mir. Am Ende finden wir uns doch wieder zusammen. Wenn ich eine alte Frau geworden bin, wenn er nicht mehr jung sein wird, dann treffen wir uns wie zwei Freunde, die tagsüber verschiedene Wege gewandert sind, am Abend vor der Hüttenthür und halten da ein Plauderstündchen, eine kurze Rast, ehe wir zur langen Rast ins stille Haus treten – bald nacheinander, will's Gott.
Erwein
leise.
265
Klothilde!
Klothilde.
Von solchen Träumen gewiegt, ging ich wohlgemut, wie einer zweiten Jugend, dem Alter entgegen – ließ es nicht etwa nur herankommen – o, ich machte ihm Avancen, freute mich über jedes weiße Haar auf meinem Kopfe, über jede Falte auf meinem Gesichte, und schmeichelte mir: die haben Vorgänger bei meinem Manne. Indessen – große Enttäuschung! Da bin ich am ersehnten Ende angelangt, bin alt – was hilft's? Ich bin's allein. Sie werden nicht alt.
Erwein
unüberlegt.
Das macht nichts. Wenn nur eines von uns ... Wissen Sie, an wen Sie mich gemahnt haben, da vorhin, mit Ihrer Brille, und ganz versunken in den Brief meiner Tochter ...
Klothilde.
Nun – an eine Ihrer Urgroßtanten.
270
Erwein.
Gefehlt! um zwei Generationen.
Klothilde.
An Ihre Großmutter.
Erwein.
Um zwei Generationen, sag' ich.
Klothilde.
An Ihre Mutter vielleicht?
Erwein nickt.
275
Da gratuliere ich mir! Mit Ihrer Mutter haben Sie im besten Einvernehmen gelebt.
Erwein.
Einvernehmen? – Ein kühles Wort. Es war mehr. Es war von meiner Seite Dankbarkeit, Bewunderung, Ehrfurcht, von der ihren grenzenlose Güte und Nachsicht ... Man braucht so viel Nachsicht –
Klothilde.
Wie wahr! Am meisten braucht sie – der zu wenig hatte – wie ich. – Ich bitte Ihnen dieses große Unrecht ab.
Erwein
ergriffen.
Sie mir – ein Unrecht! Du guter Gott – Sie mir!
280
Kammerdiener
kommt. Zu Erwein.
Durchlaucht, der Kutscher bittet dringend, es ist höchste Zeit.
Ab.
Erwein.
Nun denn! – Leben Sie wohl. Dank, daß Sie mich nicht fortgeschickt haben ... Es ist bei Ihnen so friedlich ... etwas muß ich Ihnen sagen: Ich habe Sie oft schwer vermißt ... Ihren Umgang, Ihre liebe Heiterkeit, Ihr geistiges Wesen ... Mehr als oft – immer! ...
Diener
kommt eilig.
285
Ein Telegramm aus Ostrau für Seine Durchlaucht.
Erwein
bestürzt.
Also doch! Also doch etwas Ernstes! ...
Klothilde
sucht ihre eigene Unruhe zu bemeistern.
Nicht so ängstlich, es wird nichts sein.
290
Erwein
nervös.
Was sagen Sie?
Fährt rasch mit der Hand nach dem Ohr.
Ich bin auch etwas ...
Reißt das Telegramm auf.
295
Eine Brille! Eine Brille!
Klothilde.
Da!
Hilft ihm die Brille aufsetzen.
Erwein
liest.
»Ich komme, ich bitte, beschwöre, erwarte mich bei Mama, alles wohl, Umarmung, Ernestine.« A–h ich atme wieder.
300
Kammerdiener
kommt.
Durchlaucht, der Kutscher – er fährt davon.
Erwein.
Mag er meinetwegen zum Teufel fahren!
Kammerdiener
verletzt.
Bitte Durchlaucht, der Weg – hier nicht bekannt.
305
Erwein
hält Klothilde das Telegramm hin.
Was thun? Was thun?
Klothilde.
Darf ich für Dich entscheiden Erwein?
Erwein.
Befiehl!
Klothilde
zum Kammerdiener.
310
Der Kutscher soll auf die Station zurückfahren und den Kammerdiener und die Reise-Effekten, die dort lagern,
Leise Erwein ins Ohr.
samt Slippers und Brillen
Laut.
abholen. Der Fürst bleibt.
Der Vorhang fällt.

(Marie von Ebner-Eschenbach: Am Ende. Scene in einem Aufzug. In: Marie von Ebner-Eschenbach: Kritische Texte und Deutungen. Siebter Band: Gesellschaftsdramen, Künstlerdramen, Lustspiele und Einakter. Kritisch herausgegeben und kommentiert von Marianne Henn. Berlin und New York: De Gruyter2010. (S. 809–820.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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