Liebelei

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Figurenkonstellation

Arthur Schnitzler

Liebelei (1896)

Schauspiel in drei Akten

Uraufführung1895

SchauplatzWien – Gegenwart.

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Erster Akt

Zimmer Fritzens. Elegant und behaglich.
Fritz, Theodor. Theodor tritt zuerst ein, er hat den Überzieher auf dem Arm, nimmt den Hut erst nach dem Eintritt ab, hat auch den Stock noch in der Hand.
FRITZ
spricht draußen.
Also es war niemand da?
STIMME DES DIENERS.
Nein, gnädiger Herr.
FRITZ
im Hereintreten.
5
Den Wagen könnten wir eigentlich wegschicken?
THEODOR.
Natürlich. Ich dachte, du hättest es schon getan.
FRITZ
wieder hinausgehend, in der Tür.
Schicken Sie den Wagen fort. Ja ... Sie können übrigens jetzt auch weggehen, ich brauche Sie heute nicht mehr.
Er kommt herein. Zu Theodor.
10
Was legst du denn nicht ab?
THEODOR
ist neben dem Schreibtisch.
Da sind ein paar Briefe.
Er wirft Überzieher und Hut auf einen Sessel, behält den Spazierstock in der Hand.
FRITZ
geht hastig zum Schreibtisch.
15
Ah! ...
THEODOR.
Na, na! ... Du erschrickst ja förmlich.
FRITZ.
Von Papa ...
Erbricht den anderen.
von Lensky ...
20
THEODOR.
Laß dich nicht stören.
FRITZ
durchfliegt die Briefe.
THEODOR.
Was schreibt denn der Papa?
FRITZ.
Nichts Besonderes ... Zu Pfingsten soll ich auf acht Tage aufs Gut.
THEODOR.
Wäre sehr vernünftig. Ich möchte dich auf ein halbes Jahr hinschicken.
25
FRITZ
der vor dem Schreibtisch steht, wendet sich nach ihm um.
THEODOR.
Gewiß! – Reiten, kutschieren, frische Luft, Sennerinnen –
FRITZ.
Du, Sennhütten gibt's auf Kukuruzfeldern keine!
THEODOR.
Naja also, du weißt schon, was ich meine ...
FRITZ.
Willst du mit mir hinkommen?
30
THEODOR.
Kann ja nicht!
FRITZ.
Warum denn?
THEODOR.
Mensch, ich hab' ja Rigorosum zu machen! Wenn ich mit dir hinginge, wär' es nur, um dich dort zu halten.
FRITZ.
Geh, mach dir um mich keine Sorgen!
THEODOR.
Du brauchst nämlich – das ist meine Überzeugung –nichts anderes als frische Luft! – Ich hab's heute gesehen. Da draußen, wo der echte grüne Frühling ist, bist du wieder ein sehr lieber und angenehmer Mensch gewesen.
35
FRITZ.
Danke.
THEODOR.
Und jetzt – jetzt knickst du natürlich zusammen. Wir sind dem gefährlichen Dunstkreis wieder zu nah.
FRITZ
macht eine ärgerliche Bewegung.
THEODOR.
Du weißt nämlich gar nicht, wie fidel du da draußen gewesen bist – du warst geradezu bei Verstand – es war wie in den guten alten Tagen ... – Auch neulich, wie wir mit den zwei herzigen Mäderln zusammen waren, bist du ja sehr nett gewesen, aber jetzt – ist es natürlich wieder aus, und du findest es dringend notwendig
Mit ironischem Pathos.
40
– an jenes Weib zu denken.
FRITZ
steht auf, ärgerlich.
THEODOR.
Du kennst mich nicht, mein Lieber. Ich habe nicht die Absicht, das länger zu dulden.
FRITZ.
Herrgott, bist du energisch! ...
THEODOR.
Ich verlang' ja nicht von dir, daß du jenes Weib vergißt ... ich möchte nur,
45
Wie oben.
Herzlich.
mein lieber Fritz, daß dir diese unglückselige Geschichte, in der man ja immer für dich zittern muß, nicht mehr bedeutet als ein gewöhnliches Abenteuer ... Schau Fritz, wenn du eines Tages »jenes Weib« nicht mehr anbetest, da wirst du dich wundern, wie sympathisch sie dir sein wird. Da wirst du erst drauf kommen, daß sie gar nichts Dämonisches an sich hat, sondern daß sie ein sehr liebes Frauerl ist, mit dem man sich sehr gut amüsieren kann, wie mit allen Weibern, die jung und hübsch sind und ein bißchen Temperament haben.
FRITZ.
Warum sagst du »für mich zittern«?
THEODOR.
Du weißt es ... Ich kann dir nicht verhehlen, daß ich eine ewige Angst habe, du gehst eines schönen Tages mit ihr auf und davon.
50
FRITZ.
Das meintest du? ...
THEODOR
nach einer kurzen Pause.
Es ist nicht die einzige Gefahr.
FRITZ.
Du hast recht, Theodor, – es gibt auch andere.
THEODOR.
Man macht eben keine Dummheiten.
55
FRITZ
vor sich hin.
Es gibt andere ...
THEODOR.
Was hast du? ... Du denkst an was ganz Bestimmtes.
FRITZ.
Ach nein, ich denke nicht an Bestimmtes ...
Mit einem Blick zum Fenster.
60
Sie hat sich ja schon einmal getäuscht.
THEODOR.
Wieso? ... Was? ... ich versteh' dich nicht.
FRITZ.
Ach nichts.
THEODOR.
Was ist das? So red' doch vernünftig.
FRITZ.
Sie ängstigt sich in der letzten Zeit ... zuweilen.
65
THEODOR.
Warum? – Das muß doch einen Grund haben.
FRITZ.
Durchaus nicht. Nervosität –
Ironisch.
schlechtes Gewissen, wenn du willst.
THEODOR.
Du sagst, sie hat sich schon einmal getäuscht –
70
FRITZ.
Nun ja – und heute wohl wieder.
THEODOR.
Heute – Ja, was heißt denn das alles –?
FRITZ
nach einer kleinen Pause.
Sie glaubt, ... man paßt uns auf.
THEODOR.
Wie?
75
FRITZ.
Sie hat Schreckbilder, wahrhaftig, förmliche Halluzinationen.
Beim Fenster.
Sie sieht hier durch den Ritz des Vorhanges irgend einen Menschen, der dort an der Straßenecke steht, und glaubt –
Unterbricht sich.
Ist es überhaupt möglich, ein Gesicht auf diese Entfernung hin zu erkennen?
80
THEODOR.
Kaum.
FRITZ.
Das sag' ich ja auch. Aber das ist dann schrecklich. Da traut sie sich nicht fort, da bekommt sie alle möglichen Zustände, da hat sie Weinkrämpfe, da möchte sie mit mir sterben –
THEODOR.
Natürlich.
FRITZ
kleine Pause.
Heute mußte ich hinunter, nachsehen. So gemütlich, als wenn ich eben allein von Hause wegginge; – es war natürlich weit und breit kein bekanntes Gesicht zu sehn ...
85
THEODOR
schweigt.
FRITZ.
Das ist doch vollkommen beruhigend, nicht wahr? Man versinkt ja nicht plötzlich in die Erde, was? ... So antwort' mir doch!
THEODOR.
Was willst du denn darauf für eine Antwort? Natürlich versinkt man nicht in die Erde. Aber in Haustore versteckt man sich zuweilen.
FRITZ.
Ich hab' in jedes hineingesehen.
THEODOR.
Da mußt du einen sehr harmlosen Eindruck gemacht haben.
90
FRITZ.
Niemand war da. Ich sag's ja, Halluzinationen.
THEODOR.
Gewiß. Aber es sollte dich lehren vorsichtiger sein.
FRITZ.
Ich hätt' es ja auch merken müssen, wenn er einen Verdacht hätte. Gestern habe ich ja nach dem Theater mit ihnensoupiert – mit ihm und ihr – und es war so gemütlich, sag' ich dir! ... lächerlich!
THEODOR.
Ich bitt' dich, Fritz – tu mir den Gefallen, sei vernünftig. Gib diese ganze verdammte Geschichte auf – schon meinetwegen. Ich hab' ja auch Nerven ... Ich weiß ja, du bist nicht der Mensch, dich aus einem Abenteuer ins Freie zu retten, drum hab' ich dir's ja so bequem gemacht und dir Gelegenheit gegeben, dich in ein anderes hineinzuretten ...
FRITZ.
Du? ...
95
THEODOR.
Nun, hab' ich dich nicht vor ein paar Wochen zu meinem Rendezvous mit Fräulein Mizi mitgenommen? Und hab' ich nicht Fräulein Mizi gebeten, ihre schönste Freundin mitzubringen? Und kannst du es leugnen, daß dir die Kleine sehr gut gefällt? ...
FRITZ.
Gewiß ist die lieb! ... So lieb! Und du hast ja gar keine Ahnung, wie ich mich nach so einer Zärtlichkeit ohne Pathos gesehnt habe, nach so was Süßem, Stillem, das mich umschmeichelt, an dem ich mich von den ewigen Aufregungen und Martern erholen kann.
THEODOR.
Das ist es, ganz richtig! Erholen! Das ist der tiefere Sinn. Zum Erholen sind sie da. Drum bin ich auch immer gegen die sogenannten interessanten Weiber. Die Weiber haben nicht interessant zu sein, sondern angenehm. Du mußt dein Glück suchen, wo ich es bisher gesucht und gefunden habe, dort, wo es keine großen Szenen, keine Gefahren, keine tragischen Verwicklungen gibt, wo der Beginn keine besonderen Schwierigkeiten und das Ende keine Qualen hat, wo man lächelnd den ersten Kuß empfängt und mit sehr sanfter Rührung scheidet.
FRITZ.
Ja, das ist es.
THEODOR.
Die Weiber sind ja so glücklich in ihrer gesunden Menschlichkeit – was zwingt uns denn, sie um jeden Preis zu Dämonen oder zu Engeln zu machen?
100
FRITZ.
Sie ist wirklich ein Schatz. So anhänglich, so lieb. Manchmal scheint mir fast, zu lieb für mich.
THEODOR.
Du bist unverbesserlich, scheint es. Wenn du die Absicht hast, auch die Sache wieder ernst zu nehmen –
FRITZ.
Aber ich denke nicht daran. Wir sind ja einig: Erholung.
THEODOR.
Ich würde auch meine Hände von dir abziehen. Ich hab' deine Liebestragödien satt. Du langweilst mich damit. Und wenn du Lust hast, mir mit dem berühmten Gewissenzu kommen, so will ich dir mein einfaches Prinzip für solche Fälle verraten: Besser ich als ein anderer. Denn der Andere ist unausbleiblich wie das Schicksal.
Es klingelt.
105
FRITZ.
Was ist denn das? ...
THEODOR.
Sieh nur nach. – Du bist ja schon wieder blaß! Also beruhige dich sofort. Es sind die zwei süßen Mäderln.
FRITZ
angenehm überrascht.
Was? ...
THEODOR.
Ich habe mir die Freiheit genommen, sie für heute zu dir einzuladen.
110
FRITZ
im Hinausgehen.
Geh – warum hast du mir's denn nicht gesagt! Jetzt hab' ich den Diener weggeschickt.
THEODOR.
Um so gemütlicher.
FRITZENS STIMME
draußen.
Grüß Sie Gott, Mizi! –
115
Theodor, Fritz, Mizi tritt ein, trägt ein Paket in der Hand.
Und wo ist denn die Christin'? –
MIZI.
Kommt bald nach. Grüß' dich Gott, Dori.
THEODOR
küßt ihr die Hand.
MIZI.
Sie müssen schon entschuldigen, Herr Fritz; aber der Theodor hat uns einmal eingeladen –
120
FRITZ.
Aber das ist ja eine famose Idee gewesen. Nur hat er eines vergessen, der Theodor –
THEODOR.
Nichts hat er vergessen, der Theodor!
Nimmt der Mizi das Paket aus der Hand.
Hast du alles mitgebracht, was ich dir aufgeschrieben hab'? –
MIZI.
Freilich!
125
Zu Fritz.
Wo darf ich's denn hinlegen?
FRITZ.
Geben Sie mir's nur, Mizi, wir legen's indessen da auf die Kredenz.
MIZI.
Ich hab' noch extra was gekauft, was du nicht aufgeschrieben hast, Dori.
FRITZ.
Geben Sie mir Ihren Hut, Mizi, so –
130
Legt ihn aufs Klavier, ebenso ihre Boa.
THEODOR
mißtrauisch.
Was denn?
MIZI.
Eine Mokkacremetorte.
THEODOR.
Naschkatz'!
135
FRITZ.
Ja, aber sagen Sie, warum ist denn die Christin' nicht gleich mitgekommen? –
MIZI.
Die Christin' begleitet ihren Vater zum Theater hin. Sie fährt dann mit der Tramway her.
THEODOR.
Das ist eine zärtliche Tochter ...
MIZI.
Na, und gar in der letzten Zeit, seit der Trauer.
THEODOR.
Wer ist ihnen denn eigentlich gestorben?
140
MIZI.
Die Schwester vom alten Herrn.
THEODOR.
Ah, die Frau Tant'!
MIZI.
Nein, das war eine alte Fräul'n, die schon immer bei ihnen gewohnt hat – Na, und da fühlt er sich halt so vereinsamt.
THEODOR.
Nicht wahr, der Vater von der Christin', das ist so ein kleiner Herr mit kurzem grauen Haar –
MIZI
schüttelt den Kopf.
145
Nein, er hat ja lange Haar'.
FRITZ.
Woher kennst du ihn denn?
THEODOR.
Neulich war ich mit dem Lensky in der Josefstadt und da hab' ich mir die Leut' mit den Baßgeigen angeschaut.
MIZI.
Er spielt ja nicht Baßgeige, Violin' spielt er.
THEODOR.
Ach so, ich hab' gemeint, er spielt Baßgeige.
150
Zu Mizi, die lacht.
Das ist ja nicht komisch; das kann ich ja nicht wissen, du Kind.
MIZI.
Schön haben Sie's, Herr Fritz – wunderschön! Wohin haben Sie denn die Aussicht?
FRITZ.
Das Fenster da geht in die Strohgasse, und im Zimmer daneben –
THEODOR
rasch.
155
Sagt mir nur, warum seid ihr denn so gespreizt miteinander? Ihr könntet euch wirklich du sagen.
MIZI.
Beim Nachtmahl trinken wir Bruderschaft.
THEODOR.
Solide Grundsätze! Immerhin beruhigend. – – Wie geht's denn der Frau Mutter?
MIZI
wendet sich zu ihm, plötzlich mit besorgter Miene.
Denk' dir, sie hat –
160
THEODOR.
Zahnweh – ich weiß, ich weiß. Deine Mutter hat immer Zahnweh. Sie soll endlich einmal zu einem Zahnarzt gehen.
MIZI.
Aber der Doktor sagt, es ist nur rheumatisch.
THEODOR
lachend.
Ja, wenn's rheumatisch ist –
MIZI
ein Album in der Hand.
165
Lauter so schöne Sachen haben Sie da! ...
Im Blättern.
Wer ist denn das? ... Das sind ja Sie, Herr Fritz ... In Uniform!? Sie sind beim Militär?
FRITZ.
Ja.
MIZI.
Dragoner! – Sind Sie bei den gelben oder bei den schwarzen?
170
FRITZ
lächelnd.
Bei den gelben.
MIZI
wie in Träume versunken.
Bei den gelben.
THEODOR.
Da wird sie ganz träumerisch! Mizi, wach' auf!
175
MIZI.
Aber jetzt sind Sie Leutnant der Reserve?
FRITZ.
Allerdings.
MIZI.
Sehr gut müssen Sie ausschaun mit dem Pelz.
THEODOR.
Umfassend ist dieses Wissen! – Du, Mizi, ich bin nämlich auch beim Militär.
MIZI.
Bist du auch bei den Dragonern?
180
THEODOR.
Ja. –
MIZI.
Ja, warum sagt Ihr einem denn das nicht? ...
THEODOR.
Ich will um meiner selbst willen geliebt werden.
MIZI.
Geh, Dori, da mußt du dir nächstens, wenn wir zusammen wohingehen, die Uniform anziehn.
THEODOR.
Im August hab' ich sowieso Waffenübung.
185
MIZI.
Gott, bis zum August –
THEODOR.
Ja, richtig – so lange währt die ewige Liebe nicht.
MIZI.
Wer wird denn im Mai an den August denken. Ist's nicht wahr, Herr Fritz? – Sie, Herr Fritz, warum sind denn Sie uns gestern durchgegangen?
FRITZ.
Wieso ...
MIZI.
Na ja – nach dem Theater.
190
FRITZ.
Hat mich denn der Theodor nicht bei euch entschuldigt?
THEODOR.
Freilich hab' ich dich entschuldigt.
MIZI.
Was hab' denn ich – oder vielmehr die Christin' von Ihrer Entschuldigung! Wenn man was verspricht, so halt man's.
FRITZ.
Ich wär' wahrhaftig lieber mit euch gewesen ...
MIZI.
Is' wahr? ...
195
FRITZ.
Aber, ich konnt' nicht. Sie haben ja gesehen, ich war mit Bekannten in der Loge, und da hab' ich mich nachher nicht losmachen können.
MIZI.
Ja, von den schönen Damen haben Sie sich nicht losmachen können. Glauben Sie, wir haben Sie nicht gesehen von der Gallerie aus?
FRITZ.
Ich hab' euch ja auch gesehn ...
MIZI.
Sie sind rückwärts in der Loge gesessen. –
FRITZ.
Nicht immer.
200
MIZI.
Aber meistens. Hinter einer Dame mit einem schwarzen Samtkleid sind Sie gesessen und haben immer
Parodierende Bewegung.
so hervorgeguckt.
FRITZ.
Sie haben mich aber genau beobachtet.
MIZI.
Mich geht's ja nichts an! Aber wenn ich die Christin' wär' ... Warum hat denn der Theodor nach dem Theater Zeit? Warum muß der nicht mit Bekannten soupieren gehn?
205
THEODOR
stolz.
Warum muß ich nicht mit Bekannten soupieren gehn? ...
Es klingelt.
MIZI.
Das ist die Christin'.
FRITZ
eilt hinaus.
210
THEODOR.
Mizi, du könntest mir einen Gefallen tun.
MIZI
fragende Miene.
THEODOR.
Vergiß – auf einige Zeit wenigstens – deine militärischen Erinnerungen.
MIZI.
Ich hab' ja gar keine.
THEODOR.
Na du, aus dem Schematismus hast du die Sachen nicht gelernt, das merkt man.
215
Theodor, Mizi, Fritz, Christine mit Blumen in der Hand.
CHRISTINE
grüßt mit ganz leichter Befangenheit.
Guten Abend.
Begrüßung. Zu Fritz.
Freut's dich, daß wir gekommen sind? – Bist nicht bös?
220
FRITZ.
Aber Kind! – Manchmal ist ja der Theodor gescheiter als ich. –
THEODOR.
Na, geigt er schon, der Herr Papa?
CHRISTINE.
Freilich; ich hab' ihn zum Theater hinbegleitet.
FRITZ.
Die Mizi hat's uns erzählt. –
CHRISTINE
zu Mizi.
225
Und die Kathrin' hat mich noch aufgehalten.
MIZI.
O jeh, die falsche Person.
CHRISTINE.
Oh, die ist gewiß nicht falsch, die ist sehr gut zu mir.
MIZI.
Du glaubst auch einer jeden.
CHRISTINE.
Warum soll denn die gegen mich falsch sein?
230
FRITZ.
Wer ist denn die Kathrin'?
MIZI.
Die Frau von einem Strumpfwirker und ärgert sich alleweil, wenn wer jünger ist wie sie.
CHRISTINE.
Sie ist ja selbst noch eine junge Person.
FRITZ.
Lassen wir die Kathrin'. – Was hast du denn da?
CHRISTINE.
Ein paar Blumen hab' ich dir mitgebracht.
235
FRITZ
nimmt sie ihr ab und küßt ihr die Hand.
Du bist ein Engerl. Wart', die wollen wir da in die Vase ...
THEODOR.
Oh nein! Du hast gar kein Talent zum Festarrangeur. Die Blumen werden zwanglos auf den Tisch gestreut ... Nachher übrigens, wenn aufgedeckt ist. Eigentlich sollte man das so arrangieren, daß sie von der Decke herunterfallen. Das wird aber wieder nicht gehen.
FRITZ
lachend.
Kaum.
240
THEODOR.
Unterdessen wollen wir sie doch da hineinstecken.
Gibt sie in die Vase.
MIZI.
Kinder, dunkel wird's!
FRITZ
hat der Christine geholfen, die Überjacke auszuziehen, sie hat auch ihren Hut abgelegt, er gibt die Dinge auf einen Stuhl im Hintergrund.
Gleich wollen wir die Lampe anzünden.
245
THEODOR.
Lampe! Keine Idee! Lichter werden wir anzünden. Das macht sich viel hübscher. Komm, Mizi, kannst mir helfen.
Er und Mizi zünden die Lichter an; die Kerzen in den zwei Armleuchtern auf dem Trumeau, eine Kerze auf dem Schreibtisch, dann zwei Kerzen auf der Kredenz.
Unterdessen sprechen Fritz und Christine miteinander.
FRITZ.
Wie geht's dir denn, mein Schatz?
CHRISTINE.
Jetzt geht's mir gut. –
250
FRITZ.
Na, und sonst?
CHRISTINE.
Ich hab' mich so nach dir gesehnt.
FRITZ.
Wir haben uns ja gestern erst gesehen.
CHRISTINE.
Gesehn ... von weitem ...
Schüchtern.
255
Du, das war nicht schön, daß du ...
FRITZ.
Ja, ich weiß schon; die Mizi hat's mir schon gesagt. Aber du bist ein Kind wie gewöhnlich. Ich hab' nicht los können. So was mußt du ja begreifen.
CHRISTINE.
Ja ... du, Fritz ... wer waren denn die Leute in der Loge?
FRITZ.
Bekannte – das ist doch ganz gleichgültig, wie sie heißen.
CHRISTINE.
Wer war denn die Dame im schwarzen Samtkleid?
260
FRITZ.
Kind, ich hab' gar kein Gedächtnis für Toiletten.
CHRISTINE
schmeichelnd.
Na!
FRITZ.
Das heißt, ... ich hab' dafür auch schon ein Gedächtnis – in gewissen Fällen. Zum Beispiel an die dunkelgraue Bluse erinner' ich mich sehr gut, die du angehabt hast, wie wir uns das erste Mal gesehen haben. Und die weiß-schwarze Taille, gestern ... im Theater –
CHRISTINE.
Die hab' ich ja heut auch an!
265
FRITZ.
Richtig ... von weitem sieht die nämlich ganz anders aus – im Ernst! Oh, und das Medaillon, das kenn' ich auch!
CHRISTINE
lächelnd.
Wann hab' ich's umgehabt?
FRITZ.
Vor – na, damals, wie wir in dem Garten bei der Linie spazieren gegangen sind, wo die vielen Kinder gespielt haben ... nicht wahr ...?
CHRISTINE.
Ja ... Du denkst doch manchmal an mich.
270
FRITZ.
Ziemlich häufig, mein Kind ...
CHRISTINE.
Nicht so oft, wie ich an dich. Ich denke immer an dich ... den ganzen Tag ... und froh kann ich doch nur sein, wenn ich dich seh'!
FRITZ.
Sehn wir uns denn nicht oft genug? –
CHRISTINE.
Oft ...
FRITZ.
Freilich. Im Sommer werden wir uns weniger sehn ... Denk' dir, wenn ich zum Beispiel einmal auf ein paar Wochen verreiste, was möchtest du da sagen?
275
CHRISTINE
ängstlich.
Wie? Du willst verreisen?
FRITZ.
Nein ... Immerhin wär' es aber möglich, daß ich einmal die Laune hätte, acht Tage ganz allein zu sein ...
CHRISTINE.
Ja, warum denn?
FRITZ.
Ich spreche ja nur von der Möglichkeit. Ich kenne mich, ich hab' solche Launen. Und du könntest ja auch einmal Lust haben, mich ein paar Tage nicht zu sehn ... das werd' ich immer verstehn.
280
CHRISTINE.
Die Laune werd' ich nie haben, Fritz.
FRITZ.
Das kann man nie wissen.
CHRISTINE.
Ich weiß es ... ich hab' dich lieb.
FRITZ.
Ich hab' dich ja auch sehr lieb.
CHRISTINE.
Du bist aber mein Alles, Fritz, für dich könnt' ich ...
285
Sie unterbricht sich.
Nein, ich kann mir nicht denken, daß je eine Stunde käm', wo ich dich nicht sehen wollte. So lang ich leb', Fritz – –
FRITZ
unterbricht.
Kind, ich bitt' dich ... so was sag' lieber nicht ... die großen Worte, die hab' ich nicht gern. Von der Ewigkeit reden wir nicht ...
CHRISTINE
traurig lächelnd.
290
Hab keine Angst, Fritz ... ich weiß ja, daß es nicht für immer ist ...
FRITZ.
Du verstehst mich falsch, Kind. Es ist ja möglich,
Lachend.
daß wir einmal überhaupt nicht ohne einander leben können, aber wissen können wir's ja nicht, nicht wahr? Wir sind ja nur Menschen.
THEODOR
auf die Lichter weisend.
295
Bitte sich das gefälligst anzusehen ... Sieht das nicht anders aus, als wenn da eine dumme Lampe stünde?
FRITZ.
Du bist wirklich der geborene Festarrangeur.
THEODOR.
Kinder, wie wär's übrigens, wenn wir an das Souper dächten? ...
MIZI.
Ja! ... Komm, Christin'! ...
FRITZ.
Wartet, ich will euch zeigen, wo ihr alles Notwendige findet.
300
MIZI.
Vor allem brauchen wir ein Tischtuch.
THEODOR
mit englischem Akzent, wie ihn die Clowns zu haben pflegen.
»Eine Tischentuch.«
FRITZ.
Was? ...
THEODOR.
Erinnerst dich nicht an den Clown im Orpheum? »Das ist eine Tischentuch« ... »Das ist eine Blech.« »Das ist eine kleine piccolo.«
305
MIZI.
Du, Dori, wann gehst denn mit mir ins Orpheum? Neulich hast du mir's ja versprochen. Da kommt die Christin' aber auch mit, und der Herr Fritz auch. wir die Bekannten in der Loge ...
Sie nimmt eben Fritz das Tischtuch aus der Hand, das dieser aus der Kredenz genommen.
Da sind aber dann
FRITZ.
Ja, ja ...
MIZI.
Da kann dann die Dame mit dem schwarzen Samtkleid allein nach Haus gehn.
310
FRITZ.
Was ihr immer mit der Dame in Schwarz habt, das ist wirklich zu dumm.
MIZI.
Oh, wir haben nichts mit ihr ... So ... Und das Eßzeug? ...
Fritz zeigt ihr alles in der geöffneten Kredenz.
Ja ... Und die Teller? ... Ja, danke ... So, jetzt machen wir's schon allein ... Gehn Sie, gehn Sie, jetzt stören Sie uns nur.
THEODOR
hat sich unterdessen auf den Diwan der Länge nach hingelegt; wie Fritz zu ihm nach vorne kommt.
315
Du entschuldigst ...
Mizi und Christine decken auf.
MIZI.
Hast du schon das Bild von Fritz in der Uniform gesehn?
CHRISTINE.
Nein.
MIZI.
Das mußt du dir anschaun. Fesch! ...
320
Sie reden weiter.
THEODOR
auf dem Diwan.
Siehst du, Fritz, solche Abende sind meine Schwärmerei.
FRITZ.
Sind auch nett.
THEODOR.
Da fühl' ich mich behaglich ... Du nicht? ...
325
FRITZ.
Oh, ich wollte, es wär' mir immer so wohl.
MIZI.
Sagen Sie, Herr Fritz, ist Kaffee in der Maschin' drin?
FRITZ.
Ja ... Ihr könnt auch gleich den Spiritus anzünden – auf der Maschin' dauert's sowieso eine Stund', bis der Kaffee fertig ist ...
THEODOR
zu Fritz.
Für so ein süßes Mäderl geb' ich zehn dämonische Weiber her.
330
FRITZ.
Das kann man nicht vergleichen.
THEODOR.
Wir hassen nämlich die Frauen, die wir lieben – und lieben nur die Frauen, die uns gleichgültig sind.
FRITZ
lacht.
MIZI.
Was ist denn? Wir möchten auch was hören!
THEODOR.
Nichts für euch, Kinder. Wir philosophieren.
335
Zu Fritz.
Wenn wir heut mit denen das letzte Mal zusammen wären, wir wären doch nicht weniger fidel, was?
FRITZ.
Das letzte Mal ... Na, darin liegt jedenfalls etwas Melancholisches. Ein Abschied schmerzt immer, auch wenn man sich schon lange darauf freut!
CHRISTINE.
Du, Fritz, wo ist denn das kleine Eßzeug?
FRITZ
geht nach hinten, zur Kredenz.
340
Da ist es, mein Schatz.
MIZI
ist nach vom gekommen, fährt dem Theodor, der auf dem Diwan liegt, durch die Haare.
THEODOR.
Du Katz', du!
FRITZ
öffnet das Paket, das Mizi gebracht.
Großartig ...
345
CHRISTINE
zu Fritz.
Wie du alles hübsch in Ordnung hast!
FRITZ.
Ja ...
Ordnet die Sachen, die Mizi mitgebracht, – Sardinenbüchse, kaltes Fleisch, Butter, Käse.
CHRISTINE.
Fritz ... willst du mir's nicht sagen?
350
FRITZ.
Was denn?
CHRISTINE
sehr schüchtern.
Wer die Dame war?
FRITZ.
Nein; ärger' mich nicht.
Milder.
355
Schau', das haben wir ja so ausdrücklich miteinander ausgemacht: Gefragt wird nichts. Das ist ja gerade das Schöne. Wenn ich mit dir zusammen bin, versinkt die Welt – punktum. Ich frag' dich auch um nichts.
CHRISTINE.
Mich kannst du um alles fragen.
FRITZ.
Aber ich tu's nicht. Ich will ja nichts wissen.
MIZI
kommt wieder hin.
Herrgott, machen Sie da eine Unordnung –
360
Übernimmt die Speisen, legt sie auf die Teller.
So ...
THEODOR.
Du, Fritz, sag', hast du denn irgend was zum Trinken zu Hause?
FRITZ.
Oh ja, es wird sich schon was finden.
Er geht ins Vorzimmer.
365
THEODOR
erhebt sich und besichtigt den Tisch.
Gut. –
MIZI.
So, ich denke, es fehlt nichts mehr! ...
FRITZ
kommt mit einigen Flaschen zurück.
So, hier wäre auch was zum Trinken.
370
THEODOR.
Wo sind denn die Rosen, die von der Decke herunterfallen?
MIZI.
Ja, richtig, die Rosen haben wir vergessen!
Sie nimmt die Rosen aus der Vase, steigt auf einen Stuhl und läßt die Rosen auf den Tisch fallen.
So!
CHRISTINE.
Gott, ist das Mädel ausgelassen.
375
THEODOR.
Na, nicht in die Teller ...
FRITZ.
Wo willst du sitzen, Christin'?
THEODOR.
Wo ist denn der Stoppelzieher?
FRITZ
holt einen aus der Kredenz.
Hier ist einer.
380
MIZI
versucht, den Wein aufzumachen.
FRITZ.
Aber geben Sie das doch mir.
THEODOR.
Laßt das mich machen ...
Nimmt ihm Flasche und Stoppelzieher aus der Hand.
Du könntest unterdessen ein bißchen ...
385
Bewegung des Klavierspiels.
MIZI.
Ja, ja, das ist fesch! ...
Sie läuft zum Klavier, öffnet es, nachdem sie die Sachen, die darauf liegen, auf einen Stuhl gelegt hat.
FRITZ
zu Christine.
Soll ich?
390
CHRISTINE.
Ich bitt' dich, ja, so lang schon hab' ich mich danach gesehnt.
FRITZ
am Klavier.
Du kannst ja auch ein bissel spielen?
CHRISTINE
abwehrend.
Oh Gott.
395
MIZI.
Schön kann sie spielen, die Christin' ... sie kann auch singen.
FRITZ.
Wirklich? Das hast du mir ja nie gesagt! ...
CHRISTINE.
Hast du mich denn je gefragt?
FRITZ.
Wo hast du denn singen gelernt?
CHRISTINE.
Gelernt hab' ich's eigentlich nicht. Der Vater hat mich ein bissel unterrichtet – aber ich hab' nicht viel Stimme. Und weißt du, seit die Tant' gestorben ist, die immer bei uns gewohnt hat, da ist es noch stiller bei uns wie es früher war.
400
FRITZ.
Was machst du eigentlich so den ganzen Tag?
CHRISTINE.
Oh Gott, ich hab' schon zu tun! –
FRITZ.
So im Haus – wie? –
CHRISTINE.
Ja. Und dann schreib' ich Noten ab, ziemlich viel. –
THEODOR.
Musiknoten? –
405
CHRISTINE.
Freilich.
THEODOR.
Das muß ja horrend bezahlt werden.
Wie die andern lachen.
Na, ich würde das horrend bezahlen. Ich glaube, Notenschreiben muß eine fürchterliche Arbeit sein! –
MIZI.
Es ist auch ein Unsinn, daß sie sich so plagt.
410
Zu Christine.
Wenn ich so viel Stimme hätte wie du, wär' ich längst beim Theater.
THEODOR.
Du brauchtest nicht einmal Stimme ... Du tust natürlich den ganzen Tag gar nichts, was?
MIZI.
Na, sei so gut! Ich hab' ja zwei kleine Brüder, die in die Schul' gehn, die zieh' ich an in der Früh'; und dann mach' ich die Aufgaben mit ihnen –
THEODOR.
Da ist doch kein Wort wahr.
415
MIZI.
Na, wennst mir nicht glaubst! – Und bis zum vorigen Herbst bin ich sogar in einem Geschäft gewesen von acht in der Früh' bis acht am Abend –
THEODOR
leicht spottend.
Wo denn?
MIZI.
In einem Modistengeschäft. Die Mutter will, daß ich wieder eintrete.
THEODOR
wie oben.
420
Warum bist du denn ausgetreten?
FRITZ
zu Christine.
Du mußt uns dann was vorsingen!
THEODOR.
Kinder, essen wir jetzt lieber, und du spielst dann, ja? ...
FRITZ
aufstehend, zu Christine.
425
Komm, Schatz!
Führt sie zum Tisch hin.
MIZI.
Der Kaffee! Jetzt geht der Kaffee über, und wir haben noch nichts gegessen!
THEODOR.
Jetzt ist's schon alles eins!
MIZI.
Aber er geht ja über!
430
Bläst die Spiritusflamme aus. Man setzt sich zu Tisch.
THEODOR.
Was willst du haben, Mizi? Das sag' ich dir gleich: Die Torte kommt zuletzt! ... Zuerst muß du lauter ganz saure Sachen essen.
FRITZ
schenkt den Wein ein.
THEODOR.
Nicht so: Das macht man jetzt anders. Kennst du nicht die neueste Mode?
Steht auf, affektiert Grandezza, die Flasche in der Hand, zu Christine.
435
Vöslauer Ausstich achtzehnhundert ...
Spricht die nächsten Zahlen unverständlich. Schenkt ein, zu Mizzi.
Vöslauer Ausstich achtzehnhundert ...
Wie früher. Schenkt ein, zu Fritz.
Vöslauer Ausstich achtzehnhundert ...
440
Wie früher. An seinem eigenen Platz.
Vöslauer Ausstich ...
Wie früher. Setzt sich.
MIZI
lachend.
Alleweil macht er Dummheiten.
445
THEODOR
erhebt das Glas, alle stoßen an.
Prosit!
MIZI.
Sollst leben, Theodor! ...
THEODOR
sich erhebend.
Meine Damen und Herren ...
450
FRITZ.
Na, nicht gleich!
THEODOR
setzt sich.
Ich kann ja warten.
Man ißt.
MIZI.
Das hab' ich so gern, wenn bei Tisch Reden gehalten werden. Also ich hab' einen Vetter, der redt immer in Reimen.
455
THEODOR.
Bei was für einem Regiment ist er? ...
MIZI.
Geh, hör' auf ... Auswendig redt er und mit Reimen, aber großartig, sag' ich dir, Christin'. Und ist eigentlich schon ein älterer Herr.
THEODOR.
O, das kommt vor, daß ältere Herren noch in Reimen reden.
FRITZ.
Aber, ihr trinkt ja gar nicht. Christin'!
Er stößt mit ihr an.
460
THEODOR
stößt mit Mizi an.
Auf die alten Herren, die in Reimen reden.
MIZI
lustig.
Auf die jungen Herren, auch wenn sie gar nichts reden ... zum Beispiel auf den Herrn Fritz ... Sie, Herr Fritz, jetzt trinken wir Bruderschaft, wenn Sie wollen – und die Christin' muß auch mit dem Theodor Bruderschaft trinken.
THEODOR.
Aber nicht mit dem Wein, das ist kein Bruderschaftswein.
465
Erhebt sich, nimmt eine andere Flasche – gleiches Spiel wie früher.
Xeres de la Frontera mille huit cent cinquante – Xeres de la Frontera – Xeres de la Frontera – Xeres de la Frontera.
MIZI
nippt.
Ah –
THEODOR.
Kannst du nicht warten, bis wir alle trinken? ... Also, Kinder ... bevor wir uns so feierlich verbrüdern, wollen wir auf den glücklichen Zufall trinken, der, der ... und so weiter ...
470
MIZI.
Ja, ist schon gut!
Sie trinken.
Fritz nimmt Mizis, Theodor Christinens Arm, die Gläser in der Hand, wie man Bruderschaft zu trinken pflegt.
FRITZ
küßt Mizi.
THEODOR
will Christine küssen.
475
CHRISTINE
lächelnd.
Muß das sein?
THEODOR.
Unbedingt, sonst gilt's nichts ...
Küßt sie.
So, und jetzt à place! ...
480
MIZI.
Aber schauerlich heiß wird's in dem Zimmer.
FRITZ.
Das ist von den vielen Lichtern, die der Theodor angezündet hat.
MIZI.
Und von dem Wein.
Sie lehnt sich in das Fauteuil zurück.
THEODOR.
Komm nur daher, jetzt kriegst du ja erst das Beste.
485
Er schneidet ein Stückchen von der Torte ab und steckt's ihr in den Mund.
Da, du Katz' – gut? –
MIZI.
Sehr! ...
Er gibt ihr noch eins.
THEODOR.
Geh, Fritz, jetzt ist der Moment! Jetzt könntest du was spielen!
490
FRITZ.
Willst du, Christin'?
CHRISTINE.
Bitte! –
MIZI.
Aber was Fesches!
THEODOR
füllt die Gläser.
MIZI.
Kann nicht mehr.
495
Trinkt.
CHRISTINE
nippend.
Der Wein ist so schwer.
THEODOR
auf den Wein weisend.
Fritz!
500
FRITZ
leert das Glas, geht zum Klavier.
CHRISTINE
setzt sich zu ihm.
MIZI.
Herr Fritz, spielen S' den Doppeladler.
FRITZ.
Den Doppeladler – wie geht der?
MIZI.
Dori, kannst du nicht den Doppeladler spielen?
505
THEODOR.
Ich kann überhaupt nicht Klavier spielen.
FRITZ.
Ich kenne ihn ja; er fällt mir nur nicht ein.
MIZI.
Ich werd' ihn Ihnen vorsingen ... La ... La ... lalalala ... la ...
FRITZ.
Aha, ich weiß schon.
Spielt aber nicht ganz richtig.
510
MIZI
geht zum Klavier.
Nein, so ...
Spielt die Melodie mit einem Finger.
FRITZ.
Ja, ja ...
Er spielt, Mizi singt mit.
515
THEODOR.
Das sind wieder süße Erinnerungen, was? ...
FRITZ
spielt wieder unrichtig und hält inne.
Es geht nicht. Ich hab' gar kein Gehör.
Er phantasiert.
MIZI
gleich nach dem ersten Takt.
520
Das ist nichts!
FRITZ
lacht.
Schimpfen Sie nicht, das ist von mir! –
MIZI.
Aber zum Tanzen ist es nicht.
FRITZ.
Probieren Sie nur einmal ...
525
THEODOR
zu Mizi.
Komm, versuchen wir's.
Er nimmt sie um die Taille, sie tanzen.
CHRISTINE
steht am Klavier und schaut auf die Tasten.
Es klingelt.
530
FRITZ
hört plötzlich auf zu spielen; Theodor und Mizi tanzen weiter.
THEODOR UND MIZI
zugleich.
Was ist denn das? – Na!
FRITZ.
Es hat eben geklingelt ...
Zu Theodor.
535
Hast du denn noch jemanden eingeladen?
THEODOR.
Keine Idee – du brauchst ja nicht zu öffnen.
CHRISTINE
zu Fritz.
Was hast du denn?
FRITZ.
Nichts ...
540
Es klingelt wieder.
steht auf, bleibt stehen.
THEODOR.
Du bist einfach nicht zu Hause.
FRITZ.
Man hört ja das Klavierspielen bis auf den Gang ... Man sieht auch von der Straße her, daß es beleuchtet ist.
THEODOR.
Was sind denn das für Lächerlichkeiten? Du bist eben nicht zu Haus.
545
FRITZ.
Es macht mich aber nervös.
THEODOR.
Na, was wird's denn sein? Ein Brief! – Oder ein Telegramm – Du wirst ja um
Auf die Uhr sehend.
um neun keinen Besuch bekommen.
Es klingelt wieder.
550
FRITZ.
Ach was, ich muß doch nachsehn –
Geht hinaus.
MIZI.
Aber ihr seid auch gar nicht fesch –
Schlägt ein paar Tasten auf dem Klavier an.
THEODOR.
Geh', hör jetzt auf! –
555
Zu Christine.
Was haben Sie denn? Macht Sie das Klingeln auch nervös? –
FRITZ
kommt zurück, mit erkünstelter Ruhe.
THEODOR UND CHRISTINE
zugleich.
Na, wer war's? – Wer war's?
560
FRITZ
gezwungen lächelnd.
Ihr müßt so gut sein, mich einen Moment zu entschuldigen. Geht unterdessen da hinein.
THEODOR.
Was gibts denn?
CHRISTINE.
Wer ist's?!
FRITZ.
Nichts, Kind, ich habe nur zwei Worte mit einem Herrn zu sprechen ...
565
Hat die Tür zum Nebenzimmer geöffnet, geleitet die Mädchen hinein, Theodor ist der letzte, sieht Fritz fragend an.
leise, mit entsetztem Ausdruck.
Er! ...
THEODOR.
Ah! ...
FRITZ.
Geh hinein, geh hinein. –
570
THEODOR.
Ich bitt' dich, mach' keine Dummheiten, es kann eine Falle sein ...
FRITZ.
Geh ... geh ... –
Theodor ins Nebenzimmer. Fritz geht rasch durchs Zimmer auf den Gang, so daß die Bühne einige Augenblicke leer bleibt. Dann tritt er wieder auf, indem er einen elegant gekleideten Herrn von etwa fünfunddreißig Jahren voraus eintreten läßt. – Der Herr ist in gelbem Überzieher, trägt Handschuhe, hält den Hut in der Hand.
Fritz, der Herr.
noch im Eintreten.
575
Pardon, daß ich Sie warten ließ ... ich bitte ...
DER HERR
in ganz leichtem Tone.
Oh, das tut nichts. Ich bedaure sehr, Sie gestört zu haben.
FRITZ.
Gewiß nicht. Bitte wollen Sie nicht –
Weist ihm einen Stuhl an.
580
DER HERR.
Ich sehe ja, daß ich Sie gestört habe. Kleine Unterhaltung, wie?
FRITZ.
Ein paar Freunde.
DER HERR
sich setzend, immer freundlich.
Maskenscherz wahrscheinlich?
FRITZ
befangen.
585
Wieso?
DER HERR.
Nun, Ihre Freunde haben Damenhüte und Mantillen.
FRITZ.
Nun ja ...
Lächelnd.
Es mögen ja Freundinnen auch dabei sein ...
590
Schweigen.
DER HERR.
Das Leben ist zuweilen ganz lustig ... ja ...
Er sieht den andern starr an.
FRITZ
hält den Blick eine Weile aus, dann sieht er weg.
... Ich darf mir wohl die Frage erlauben, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft.
595
DER HERR.
Gewiß ...
Ruhig.
Meine Frau hat nämlich ihren Schleier bei Ihnen vergessen.
FRITZ.
Ihre Frau Gemahlin bei mir? ... ihren ...
Lächelnd.
600
Der Scherz ist ein bißchen sonderbar ...
DER HERR
plötzlich aufstehend, sehr stark, fast wild, indem er sich mit der einen Hand auf die Stuhllehne stützt.
Sie hat ihn vergessen.
FRITZ
erhebt sich auch, und die beiden stehen einander gegenüber.
DER HERR
hebt die Faust, als wollte er sie auf Fritz niederfallen lassen; – in Wut und Ekel.
605
Oh ...!
FRITZ
wehrt ab, geht einen kleinen Schritt nach rückwärts.
DER HERR
nach einer langen Pause.
Hier sind Ihre Briefe.
Er wirft ein Paket, das er aus der Tasche des Überziehers nimmt, auf den Schreibtisch.
610
Ich bitte um die, welche Sie erhalten haben ...
FRITZ
abwehrende Bewegung.
DER HERR
heftig, mit Bedeutung.
Ich will nicht, daß man sie – später bei Ihnen findet.
FRITZ
sehr stark.
615
Man wird sie nicht finden.
DER HERR
schaut ihn an.
Pause.
FRITZ.
Was wünschen Sie noch von mir? ...
DER HERR
höhnisch.
620
Was ich noch wünsche –?
FRITZ.
Ich stehe zu Ihrer Verfügung ...
DER HERR
verbeugt sich kühl.
Gut. –
Er läßt seinen Blick im Zimmer umhergehen; wie er wieder den gedeckten Tisch, die Damenhüte usw.
625
FRITZ
der das bemerkt, wiederholt.
Ich bin ganz zu Ihrer Verfügung. – Ich werde morgen bis zwölf Uhr zu Hause sein.
DER HERR
verbeugt sich und wendet sich zum Gehen.
FRITZ
begleitet ihn bis zur Türe, was der Herr abwehrt. Wie er weg ist, geht Fritz zum Schreibtisch, bleibt eine Weile stehen. Dann eilt er zum Fenster, sieht durch eine Spalte, die die Rouleaux gelassen, hinaus, und man merkt, wie er den auf dem Trottoir gehenden Herrn mit den Blicken verfolgt. Dann entfernt er sich vom Fenster, bleibt, eine Sekunde lang zur Erde schauend, stehen; dann geht er zur Türe des Nebenzimmers, öffnet sie zur Hälfte und ruft.
Theodor ... auf einen Moment.
630
Fritz, Theodor.
Sehr rasch diese Szene.
THEODOR
erregt.
Nun ...
FRITZ.
Er weiß es.
635
THEODOR.
Nichts weiß er. Du bist ihm sicher hineingefallen. Hast am Ende gestanden. Du bist ein Narr, sag' ich dir ... Du bist –
FRITZ
auf die Briefe weisend.
Er hat mir meine Briefe zurückgebracht.
THEODOR
betroffen.
Oh ...
640
Nach einer Pause.
Ich sag' es immer, man soll nicht Briefe schreiben.
FRITZ.
Er ist es gewesen, heute Nachmittag, da unten.
THEODOR.
Also was hat's denn gegeben? – So sprich doch.
FRITZ.
Du mußt mir nun einen großen Dienst erweisen, Theodor.
645
THEODOR.
Ich werde die Sache schon in Ordnung bringen.
FRITZ.
Davon ist hier nicht mehr die Rede.
THEODOR.
Also ...
FRITZ.
Es wird für alle Fälle gut sein ...
Sich unterbrechend.
650
– aber wir können doch die armen Mädchen nicht so lange warten lassen.
THEODOR.
Die können schon warten. Was wolltest du sagen?
FRITZ.
Es wird gut sein, wenn du heute noch Lensky aufsuchst.
THEODOR.
Gleich, wenn du willst.
FRITZ.
Du triffst ihn jetzt nicht ... aber zwischen elf und zwölf kommt er ja sicher ins Kaffeehaus ... vielleicht kommt ihr dann beide noch zu mir ...
655
THEODOR.
Geh, so mach' doch kein solches Gesicht ... in neunundneunzig Fällen von hundert geht die Sache gut aus.
FRITZ.
Es wird dafür gesorgt sein, daß diese Sache nicht gut ausgeht.
THEODOR.
Aber ich bitt' dich, erinnere dich, im vorigen Jahr, die Affäre zwischen dem Doktor Billinger und dem Herz – das war doch genau dasselbe.
FRITZ.
Laß das, du weißt es selbst – er hätte mich einfach hier in dem Zimmer niederschießen sollen, – es wär' aufs Gleiche herausgekommen.
THEODOR
gekünstelt.
660
Ah, das ist famos! Das ist eine großartige Auffassung ... Und wir, der Lensky und ich, wir sind nichts? Du meinst, wir werden es zugeben – –
FRITZ.
Bitt' dich, laß das! ... Ihr werdet einfach annehmen, was man proponieren wird.
THEODOR.
Ah, –
FRITZ.
Wozu das alles, Theodor. Als wenn du's nicht wüßtest.
THEODOR.
Unsinn. Überhaupt, das Ganze ist Glückssache ... Ebenso gut kannst du ihn ...
665
FRITZ
ohne darauf zu hören.
Sie hat es geahnt. Wir beide haben es geahnt. Wir haben es gewußt ...
THEODOR.
Geh, Fritz ...
FRITZ
zum Schreibtisch, sperrt die Briefe ein.
Was sie in diesem Augenblick nur macht. Ob er sie ... Theodor ... das mußt du morgen in Erfahrung bringen, was dort geschehen ist.
670
THEODOR.
Ich werd' es versuchen ...
FRITZ.
... Sieh auch, daß kein überflüssiger Aufschub ...
THEODOR.
Vor übermorgen früh wird's ja doch kaum sein können.
FRITZ
beinahe angstvoll.
Theodor!
675
THEODOR.
Also ... Kopf hoch. – Nicht wahr, auf innere Überzeugungen ist doch auch etwas zu geben – und ich hab' die feste Überzeugung, daß alles ... gut ausgeht.
Redet sich in Lustigkeit hin ein.
Ich weiß selbst nicht warum, aber ich hab' einmal die Überzeugung!
FRITZ
lächelnd.
Was bist du für ein guter Kerl! – Aber was sagen wir nur den Mädeln?
680
THEODOR.
Das ist wohl sehr gleichgültig. Schicken wir sie einfach weg.
FRITZ.
Oh nein. Wir wollen sogar möglichst lustig sein. Christine darf gar nichts ahnen. Ich will mich wieder zum Klavier setzen; ruf du sie indessen herein.
Theodor wendet sich, unzufriedenen
Und was wirst du ihnen sagen?
THEODOR.
Daß sie das gar nichts angeht.
685
FRITZ
der sich zum Klavier gesetzt hat, sich nach ihm umwendend.
Nein, nein –
THEODOR.
Daß es sich um einen Freund handelt – das wird sich schon finden.
FRITZ
spielt ein paar Töne.
THEODOR.
Bitte, meine Damen.
690
Hat die Tür geöffnet.
Fritz, Theodor, Christine, Mizi.
MIZI.
Na endlich! Ist der schon fort?
CHRISTINE
zu Fritz eilend.
Wer war bei dir, Fritz?
695
FRITZ
am Klavier, weiterspielend.
Ist schon wieder neugierig.
CHRISTINE.
Ich bitt' dich, Fritz, sag's mir.
FRITZ.
Schatz, ich kann's dir nicht sagen, es handelt sich wirklich um Leute, die du gar nicht kennst.
CHRISTINE
schmeichelnd.
700
Geh, Fritz, sag' mir die Wahrheit!
THEODOR.
Sie läßt dich natürlich nicht in Ruh' ... Daß du ihr nichts sagst! Du hast's ihm versprochen!
MIZI.
Geh, sei doch nicht so fad, Christin', laß ihnen die Freud'! Sie machen sich eh' nur wichtig!
THEODOR.
Ich muß den Walzer mit Fräulein Mizi zu Ende tanzen.
Mit der Betonung eines Clowns.
705
Bitte, Herr Kapellmeister – eine kleine Musik.
FRITZ
spielt.
Theodor und Mizi tanzen; nach wenigen Takten.
MIZI.
Ich kann nicht!
Sie fällt in einen Fauteuil zurück.
710
THEODOR
küßt sie, setzt sich auf die Lehne des Fauteuils zu ihr.
FRITZ
bleibt am Klavier, nimmt Christine bei beiden Händen, sieht sie an.
CHRISTINE
wie erwachend.
Warum spielst du nicht weiter?
FRITZ
lächelnd.
715
Genug für heut ...
CHRISTINE.
Siehst du, so möcht' ich spielen können ...
FRITZ.
Spielst du viel? ...
CHRISTINE.
Ich komme nicht viel dazu; im Haus ist immer was zu tun. Und dann, weißt, wir haben ein so schlechtes Pianino.
FRITZ.
Ich möcht's wohl einmal versuchen. Ich möcht' überhaupt gern dein Zimmer einmal sehn.
720
CHRISTINE
lächelnd.
'S ist nicht so schön wie bei dir! ...
FRITZ.
Und noch eins möcht' ich: Daß du mir einmal viel von dir erzählst ... recht viel ... ich weiß eigentlich so wenig von dir.
CHRISTINE.
Ist wenig zu erzählen. – Ich hab' auch keine Geheimnisse – wie wer anderer ...
FRITZ.
Du hast noch keinen lieb gehabt?
725
CHRISTINE
sieht ihn nur an.
FRITZ
küßt ihr die Hände.
CHRISTINE.
Und werd' auch nie wen andern lieb haben ...
FRITZ
mit fast schmerzlichem Ausdruck.
Sag' das nicht ... sag's nicht ... was weißt du denn? ... Hat dich dein Vater sehr gern, Christin'? –
730
CHRISTINE.
O Gott! ... Es war auch eine Zeit, wo ich ihm alles erzählt hab'. –
FRITZ.
Na, Kind, mach' dir nur keine Vorwürfe ... Ab und zu hat man halt Geheimnisse – das ist der Lauf der Welt.
CHRISTINE.
... Wenn ich nur wüßte, daß du mich gern hast – da wär' ja alles ganz gut.
FRITZ.
Weißt du's denn nicht?
CHRISTINE.
Wenn du immer in dem Ton zu mir reden möchtest, ja dann ...
735
FRITZ.
Christin'! Du sitzt aber recht unbequem.
CHRISTINE.
Ach laß nur – es ist da ganz gut.
Sie legt den Kopf aufs Klavier.
FRITZ
steht auf und streichelt ihr die Haare.
CHRISTINE.
O, das ist gut.
740
Stille im Zimmer.
THEODOR.
Wo sind die Zigarren, Fritz? –
FRITZ
kommt zu ihm hin, der bei der Kredenz steht und schon gesucht hat.
MIZI
ist eingeschlummert.
FRITZ
reicht ihm ein Zigarrenkistchen.
745
Und der schwarze Kaffee!
Er schenkt zwei Tassen ein.
THEODOR.
Kinder, wollt Ihr nicht auch schwarzen Kaffee haben?
FRITZ.
Mizi, soll ich dir eine Tasse ...
THEODOR.
Lassen wir sie schlafen ... – Du, trink übrigens keinen Kaffee heut. Du solltest dich möglichst bald zu Bette legen und schauen, daß du ordentlich schläfst.
750
FRITZ
sieht ihn an und lacht bitter.
THEODOR.
Na ja, jetzt stehn die Dinge nun einmal so wie sie stehn ... und es handelt sich jetzt nicht darum, so großartig oder so tiefsinnig, sondern so vernünftig zu sein als möglich ... darauf kommt es an ... in solchen Fällen.
FRITZ.
Du kommst noch heute Nacht mit Lensky zu mir, ja? ...
THEODOR.
Das ist ein Unsinn. Morgen früh ist Zeit genug.
FRITZ.
Ich bitt' dich drum.
755
THEODOR.
Also schön ...
FRITZ.
Begleitest du die Mädeln nach Hause?
THEODOR.
Ja, und zwar sofort ... Mizi! ... Erhebe dich! –
MIZI.
Ihr trinkt da schwarzen Kaffee –! Gebt's mir auch einen!
THEODOR.
Da hast du, Kind ...
760
FRITZ
zu Christine hin.
Bist müd', mein Schatz? ...
CHRISTINE.
Wie lieb das ist, wenn du so sprichst.
FRITZ.
Sehr müd'? –
CHRISTINE
lächelnd.
765
– Der Wein. – Ich hab' auch ein bissel Kopfweh ...
FRITZ.
Na, in der Luft wird dir das schon vergehn!
CHRISTINE.
Gehn wir schon? – Begleitest du uns?
FRITZ.
Nein, Kind. Ich bleib' jetzt schon zu Haus ... Ich hab' noch einiges zu tun.
CHRISTINE
der wieder die Erinnerung kommt.
770
Jetzt ... Was hast du denn jetzt zu tun?
FRITZ
beinahe streng.
Du Christin', das mußt du dir abgewöhnen! –
Mild.
Ich bin nämlich wie zerschlagen ... wir sind heut, der Theodor und ich, draußen auf dem Land zwei Stunden herumgelaufen –
775
THEODOR.
Ah, das war entzückend. Nächstens fahren wir alle zusammen hinaus aufs Land.
MIZI.
Ja, das ist fesch! Und ihr zieht euch die Uniform dazu an.
THEODOR.
Das ist doch wenigstens Natursinn!
CHRISTINE.
Wann sehen wir uns denn wieder?
FRITZ
etwas nervös.
780
Ich schreib's dir schon.
CHRISTINE
traurig.
Leb' wohl.
Wendet sich zum Gehen.
FRITZ
bemerkt ihre Traurigkeit.
785
Morgen sehn wir uns, Christin'.
CHRISTINE
froh.
Ja?
FRITZ.
In dem Garten ... dort bei der Linie wie neulich ... um – sagen wir, um sechs Uhr ... Ja? Ist's dir recht?
CHRISTINE
nickt.
790
MIZI
zu Fritz.
Gehst mit uns, Fritz?
THEODOR.
Die hat ein Talent zum Dusagen –!
FRITZ.
Nein, ich bleib' schon zu Haus.
MIZI.
Der hat's gut! Was wir noch für einen Riesenweg nach Haus haben ...
795
FRITZ.
Aber, Mizi, du hast ja beinah' die ganze gute Torte stehen lassen. Wart', ich pack' sie dir ein – ja?
MIZI
zu Theodor.
Schickt sich das?
FRITZ
schlägt die Torte ein.
CHRISTINE.
Die ist wie ein kleines Kind ...
800
MIZI
zu Fritz.
Wart', dafür helf' ich dir die Lichter auslöschen.
Löscht ein Licht nach dem andern aus, das Licht auf dem Schreibtisch bleibt.
CHRISTINE.
Soll ich dir nicht das Fenster aufmachen? – es ist so schwül.
Sie öffnet das Fenster, Blick auf das gegenüberliegende Haus.
805
FRITZ.
So, Kinder. Jetzt leucht' ich euch.
MIZI.
Ist denn schon ausgelöscht auf der Stiege?
THEODOR.
Na, selbstverständlich.
CHRISTINE.
Ah, die Luft ist gut, die da hereinkommt! ...
MIZI.
Mailüfterl ...
810
Bei der Tür, Fritz hat den Leuchter in der Hand.
Also, wir danken für die freundliche Aufnahme! –
THEODOR
sie drängend.
Geh, geh, geh, geh ...
FRITZ
geleitet die andern hinaus.
815
Die Tür bleibt offen, man hört die Personen raußen reden. Man hört die Wohnungstür aufschließen.
MIZI.
Also pah! –
THEODOR.
Gib acht, da sind Stufen.
MIZI.
Danke schön für die Torte ...
THEODOR.
Pst, du weckst ja die Leute auf! –
820
CHRISTINE.
Gute Nacht!
THEODOR.
Gute Nacht!
Man hört, wie Fritz die Türe draußen schließt und versperrt. – Während er hereintritt und das Licht auf den Schreibtisch stellt, hört man das Haustor unten öffnen und schließen.
FRITZ
geht zum Fenster und grüßt hinunter.
CHRISTINE
von der Straße.
825
Gute Nacht!
MIZI
ebenso, übermütig.
Gute Nacht, du mein herziges Kind ...
THEODOR
scheltend.
Du, Mizi ...
830
Man hört seine Worte, ihr Lachen, die Schritte verklingen. Theodor pfeift die Melodie des »Doppeladler«, die am spätesten verklingt. Fritz sieht noch ein paar Sekunden hinaus, dann sinkt er auf den Fauteuil neben dem Fenster.
Vorhang.

(Arthur Schnitzler: Die Dramatischen Werke. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag, 1962.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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