Abbildung der vollkommenen schönheit

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Abbildung der vollkommenen schönheit (1697)

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Holdseliges geschlecht/ hör an/ ich will dichs lehren/
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Wie es gestalt muß seyn/ was man vor schön soll ehren.
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Liß diese zeilen durch/ so wird dir seyn bekant/
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Wodurch die Helena so trefflich schön genant.
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Der leib muß seine pracht erst von den farben haben/
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Von diesen müssen drey sich gleichen schwartzen raben/
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Drey müssen wie der schnee so weiß seyn anzusehn/
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Drey die an röthe selbst den purpur übergehn.
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Drey andre müssen ruhm durch ihre kürtz’ erlangen/
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Hingegen andre drey mit schöner länge prangen;
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Drey müssen seyn was dick/ doch wolgebildt dabey/
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Darneben müssen schmal und schlanck seyn andre drey.
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Die weite muß man auch an eben so viel rühmen/
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Und andern gleicher zahl will eng zu seyn geziemen.
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Wenn man zu diesen fügt drey/ welche zierlich klein/
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So kan die schönheit selbst nicht vollenkommner seyn.
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Die augen preiset man/ die schwartzen kohlen gleichen/
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An strahlen aber doch der sonnen selbst nicht weichen;
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Und umb dieselbe muß ein schwartzer bogen gehn/
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Dadurch diß sternen-paar kan überschattet stehn.
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Zum dritten muß der pusch/ der jene höle decket/
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In welcher Venus selbst das ziel der brunst verstecket/
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Gantz eingehüllet seyn in schwartze dunckelheit/
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Weil Amor solch ein kind/ das sich im dunckeln freut.
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Die haare müssen seyn so weiß/ als reine seide/
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Der alabaster-halß/ wie nie berührte kreide/
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Die zähne müßen stehn/ wie blanckes helffenbein/
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Wenn sie von tadel gantz entfernet sollen seyn.
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Er muß weit übergehn die brennenden rubinen/
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Soll sonst der lippen saum den rechten preiß verdienen.
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Die wangen/ die nicht roth/ sind nicht vollkommen schön/
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Und auff den brüsten selbst muß roth am gipffel stehn.
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Die zähne müßen kurtz nur seyn in ihren reihen/
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Derselben maße sich die füsse gleichsals weihen.
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Diß einz’ge giebet auch den ohren ihren preiß/
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Daß man/ wie andre theil/ sie schön zu nennen weiß.
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Es muß ein schöner leib sich nach den g’raden sichten/
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Die wie die säulen stehn/ in seiner länge richten.
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Die hände/ die mit lust der liebe zügel führn/
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Muß/ wenn sie zierlich sind/ gewünschte länge ziern.
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Und soll dem Venus-sohn die liebes-jagt gelücken/
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Muß er aus langem haar ihm netz und sehnen stricken.
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Denn soll in sclaverey die freyheit seyn gebracht/
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So müssen feßeln seyn aus langem haar gemacht.
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Es ist ein solcher leib vor andren hoch zu preisen/
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An dem die hüfften sich in rechter dicke weisen.
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Auch das/ was die natur zum sitz-platz außersehn/
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Ist dadurch/ wenn es dick und ausgefüllet/ schön.
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Und drittens muß der ort/ der unsre sinnen raubet/
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Wenn er mit schöner kräuß’ als ein gepüsch belaubet/
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Seyn einem hügel gleich von bergen eingehüllt/
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So daß er eine hand mit seiner dicke füllt.
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Die finger/ welche schmal und zierlich sich erstrecken/
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Die können/ was sonst halb erstorben/ aufferwecken/
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Und arme dieser art sind das gewünschte band/
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Wodurch man an das joch der liebe wird gespañt.
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Auch muß ein schönes kind seyn schmal uñ schlanck von beinen/
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Daß/ wenn die flammen sich im mittel-punct vereinen/
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Gantz umb das oberste das unterste sich schwenckt/
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Gleichwie Adonis ward von Venus eingeschränckt.
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Der weite lob kan man auß dreyen stücken lernen:
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An augenbraunen/ die von ander sich entfernen/
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An lenden/ die nicht gar zu nah beysammen stehn/
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Vornehmlich wenn man will in Amors irrgang gehn.
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Auch müßen weit entfernt sich zeigen jene hügel
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Der schwanen-gleichen brust/ daß mit verhängtem zügel
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Die brunst/ wenn sie genug mit küßen hat gespielt/
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Durch dieses thal kan gehn/ wo sie wird abgekühlt.
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Drey enge müßen sich bey jenen dreyen weisen:
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Ein rosengleicher mund muß enge seyn zu preisen;
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Die seiten müßen eng und dicht zusammen seyn/
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Daß eine ehle sie bey nah kan schließen ein.
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Vor allen aber muß die grufft/ da Venus lachet/
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Wo das/ was stählern schien/ wie wachs wird weich gemachet/
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Gantz enge seyn/ damit wenn unsre brunst entsteht/
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Sie ein und wieder auß mit mehrerm kitzel geht.
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Und letzlich müßen drey seyn zierlich klein zu nennen:
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Die nase muß man erst deßwegen loben können:
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Die brüste gleiches falls/ die eine hand spannt ein;
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Die gipffel müßen drauff gleich kleinen erdbeern seyn.
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Wann dann der leib gebildt in solchem schönen wesen/
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So hat zum wohnplatz ihn die liebe selbst erlesen/
83
Und wann an diesem auch bald diß bald jenes fehlt/
84
So hat Cupido schon ein anders auserwehlt;
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Dann wann die schönheit gleich nicht völlig ist zu finden/
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So kan die freundlichkeit doch alles überwinden:
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Der nun die schönheit nicht auff allen gliedern schwebt/
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Der rath’ ich/ daß sie sich durch freundlichkeit erhebt.
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Hie seht ihr/ schönstes volck/ wodurch ihr schön zu nennen/
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Werdt ihr ins künfftige mir besser nachricht gönnen/
91
Soll meine feder euch zum dienst seyn angewand/
92
Wenn ihr dieselbe führt mit eurer schönen hand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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