DiE JUNGE MAGD

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Georg Trakl: DiE JUNGE MAGD (1913)

1
Oft am Brunnen, wenn es dämmert,
2
Sieht man sie verzaubert stehen
3
Wasser schöpfen, wenn es dämmert.
4
Eimer auf und niedergehen.

5
In den Buchen Dohlen flattern
6
Und sie gleichet einem Schatten.
7
Ihre gelben Haare flattern
8
Und im Hofe schrein die Ratten.

9
Und umschmeichelt von Verfalle
10
Senkt sie die entzundenen Lider.
11
Dürres Gras neigt im Verfalle
12
Sich zu ihren Füßen nieder.

13
Stille schafft sie in der Kammer
14
Und der Hof liegt längst verödet.
15
Im Hollunder vor der Kammer
16
Kläglich eine Amsel flötet.

17
Silbern schaut ihr Bild im Spiegel
18
Fremd sie an im Zwielichtscheine
19
Und verdämmert fahl im Spiegel
20
Und ihr graut vor seiner Reine.

21
Traumhaft singt ein Knecht im Dunkel
22
Und sie starrt von Schmerz geschüttelt.
23
Röte träufelt durch das Dunkel.
24
Jäh am Tor der Südwind rüttelt.

25
Nächtens übern kahlen Anger
26
Gaukelt sie in Fieberträumen.
27
Mürrisch greint der Wind im Anger
28
Und der Mond lauscht aus den Bäumen.

29
Balde rings die Sterne bleichen
30
Und ermattet von Beschwerde
31
Wächsern ihre Wangen bleichen.
32
Fäulnis wittert aus der Erde.

33
Traurig rauscht das Rohr im Tümpel
34
Und sie friert in sich gekauert.
35
Fern ein Hahn kräht. Übern Tümpel
36
Hart und grau der Morgen schauert.

37
In der Schmiede dröhnt der Hammer
38
Und sie huscht am Tor vorüber.
39
Glührot schwingt der Knecht den Hammer
40
Und sie schaut wie tot hinüber.

41
Wie im Traum trifft sie ein Lachen;
42
Und sie taumelt in die Schmiede,
43
Scheu geduckt vor seinem Lachen,
44
Wie der Hammer hart und rüde.

45
Hell versprühn im Raum die Funken
46
Und mit hilfloser Geberde
47
Hascht sie nach den wilden Funken
48
Und sie stürzt betäubt zur Erde.

49
Schmächtig hingestreckt im Bette
50
Wacht sie auf voll süßem Bangen
51
Und sie sieht ihr schmutzig Bette
52
Ganz von goldnem Licht verhangen,

53
Die Reseden dort am Fenster
54
Und den bläulich hellen Himmel.
55
Manchmal trägt der Wind ans Fenster
56
Einer Glocke zag Gebimmel.

57
Schatten gleiten übers Kissen,
58
Langsam schlägt die Mittagsstunde
59
Und sie atmet schwer im Kissen
60
Und ihr Mund gleicht einer Wunde.

61
Abends schweben blutige Linnen,
62
Wolken über stummen Wäldern,
63
Die gehüllt in schwarze Linnen,
64
Spatzen lärmen auf den Feldern.

65
Und sie liegt ganz weiß im Dunkel.
66
Unterm Dach verhaucht ein Girren.
67
Wie ein Aas in Busch und Dunkel
68
Fliegen ihren Mund umschwirren.

69
Traumhaft klingt im braunen Weiler
70
Nach ein Klang von Tanz und Geigen,
71
Schwebt ihr Antlitz durch den Weiler,
72
Weht ihr Haar in kahlen Zweigen.

(Trakl, Georg: Gedichte. Leipzig, 1913.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Georg Trakl
(18871914)

* 03.02.1887 in Salzburg, † 03.11.1914 in Buenos Aires

männlich, geb. Trakl

Suizid | Überdosis

österreichischer Dichter des Expressionismus

(Aus: Wikidata.org)

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