Ix . Die Sehnsucht

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Nikolaus Lenau: Ix . Die Sehnsucht (1832)

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Haben wir auch schön geträumet
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Von des Glückes Zauberlanden,
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Wo sich ew'ge Freudenkränze
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Um die trunknen Schläfe wanden,

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Und wir wachen auf am Morgen,
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Kehren zu des Lebens Mühen
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Ohne Klagen wir zurücke;
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Träume müssen ja verblühen.

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Also waltet in dem Gasthof
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Klara nach der alten Weise,
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Nur ein seliges Erinnern
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An den Traum umschwebt sie leise.

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Mit gewohnter holder Miene
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Grüßet sie die frohen Zecher;
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Doch am freundlichsten vor allen,
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Füllet Einem sie den Becher.

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Oft auch sah man, wie die Jungfrau
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Und der Krieger lange sprachen;
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Heinrich ist es, der gestanden
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Bei des Prinzen Kerkerwachen;

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Und er weiß gar viel zu rühmen,
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Von dem schönen Fürstenjungen,
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Wie dem Stolzen nie das Unglück
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Einen Klagelaut erzwungen.

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Eines aber hoch zu preisen,
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Seine Worte nie vergaßen,
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Wie der Prinz den bösen Hauptmann
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Chantereine einst angelassen.

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Dieser trat mit plumpem Trotze
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Vor den Stillen, scheinbar Zahmen,
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Ihm den Säbel abzufordern
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Frech in König Ludwigs Namen.

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Doch wie donnerte der Jüngling:
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„ich bin Johann Prinz von Polen!
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„lüstet ihn nach meinem Schwerte,
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„mags dein König selber holen!“

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Feig verzagend vor dem Kühnen
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Sucht der Hauptmann seine Rotte
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Zur Gewaltthat aufzustacheln
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Mit Befehl und scharfem Spotte.

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Ha! wie hat der Polenjüngling
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Jezt sein tapfres Schwert geschwungen!
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Ha! wie ist er auf den Hauptmann,
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Auf die Knechte eingedrungen!

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Und die Rotte feiler Schergen
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Taumelte zurück, erschrocken,
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Wie der Sturmwind auseinander
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Jagt der Spreu geringe Flocken. —

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Schwellend hat bei solchen Reden
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Klara's Busen sich erhoben,
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Süßer Klang ist's für die Jungfrau,
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Hört sie den Geliebten loben. — —

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War nun Klara gegen jeden
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Froh und freundlich tagesüber,
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Wenn sie endlich kann allein seyn,
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Ist sie Abends um so trüber.

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Ist ihr auch das Glück der Liebe
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Wie ein Traum vorübergangen,
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Werden doch in stiller Sehnsucht
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Täglich blässer ihre Wangen.

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Oft in heitern, schönen Nächten,
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Wenn der Mond, die Sterne scheinen,
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Wandelt Klara, sein gedenkend,
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An dem Strand mit leisem Weinen;

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Horchet in die Meeresweiten,
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In die stummen, regungslosen:
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Keine fernen Ruderschläge? —
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Keine Lieder der Matrosen? —

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Wirft das Meer in trüben Nächten
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Seine Wellen an's Gestade,
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Wandelt Klara still und einsam
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Ihres Grams geheime Pfade.

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Aber nicht vom stillen Meere,
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Nicht vom Meere, sturmgeschlagen,
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Harret sie auch manche Jahre,
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Wird der Theure hergetragen.

(Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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