ViII . Die Heimkehr

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Nikolaus Lenau: ViII . Die Heimkehr (1832)

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Zu Paris am Königsschlosse,
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Das der Prinz nunmehr bezogen,
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Harrt der Wagen lange Reihe,
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Drängen sich des Volkes Wogen.

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Auf der kunstgeschmückten Treppe
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Stehn die königlichen Garden,
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Dem Andrang des Volks zu wehren
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Mit dem Stoß der Hellebarden.

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Johann Kasimir, gebleichet
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Von des Kummers langem Drucke,
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Stieg herab, seit lange wieder
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In dem vollen Fürstenschmucke.

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Auf dem Haupt die sammtne Mütze,
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Um den Busch des Reihers brannten,
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In vielfache Schnur gewunden,
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Große helle Diamanten.

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An dem sammtnen Oberkleide
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Weite Aermel niederhangen,
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Drauf das goldne Fell des Widders,
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Und die Demantkette prangen.

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Der kostbare Persergürtel
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Trägt des Säbels Eisenbogen
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Mit rubinbeseztem Griffe,
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Den der Jüngling oft gezogen. —

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Ihn umrauschen die Begleiter:
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Sully, Angouleme, nebst andern,
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Sagen ihm viel süße Worte,
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Wünschen ihm ein glücklich Wandern.

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Doch der Zug, die Treppe nieder,
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Muß auf jeder Stufe stocken,
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Unaufhaltsam strömt das Volk zu,
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Mit gutmüthigem Frohlocken.

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In der Treppe tiefster Ecke,
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Hinter des Hartschirers Rücken,
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Hat ein Mädchen sich geschmieget,
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Auf den Zug hervorzublicken.

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Eingebettelt in die Stelle
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Hat sie sich mit bangem Flehen,
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Daß sie dürfe nur noch einmal
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Unbemerkt den Prinzen sehen.

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Also hat in scheuer Demuth
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Klara Hebert sich verborgen,
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Nimmer braucht ja ihre Liebe
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Für den Theuren mehr zu sorgen.

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Nicht gewahrt der rauhe Wachmann
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Ihres Herzens lautes Pochen,
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Und wie manche heiße Thräne
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Aus den Augen ihr gebrochen.

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Plötzlich hält Johannes inne,
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Forschend blickt er ins Gedränge;
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Doch nicht sieht er, die er suchet
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In des Volkes bunter Menge.

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Und der Liebe bange Zweifel
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Ihm die Seele jezt erfassen:
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„klara!“ ruft er laut und schmerzlich,
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„klara! willst du mich verlassen?“ —

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Wie sie so ihn höret rufen,
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Stürzt sie hin mit lautem Weinen,
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Und ohnmächtig liegt das Mädchen
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Auf der Treppe Marmorsteinen.

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Festgedrückt an seinen Busen,
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Hält Johannes sie umfangen,
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Mit unendlich süßer Wehmuth
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Küßt er ihre bleichen Wangen.

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Lange noch auf ihrem Antlitz
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Ruht sein seliges Betrachten,
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Und es zittert seine Stimme:
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„lebewohl!“ der Auferwachten.

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Zu Graf Angouleme nun spricht er:
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„eurem Schutz sey sie befohlen;
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„ehret sie, wie es der Freundin
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„ziemen mag Johanns von Polen!

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„meines Lebens kühne Rettung
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„dank' ich diesen zarten Händen;
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„und daß ich zur lieben Heimat
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„wieder kann die Schritte wenden!“

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Rasch besteigt er seinen Wagen‚
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Und den Prinzen segnet Jeder.
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Jezt verliert sich in der Ferne
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Schon das Rollen auch der Räder.

(Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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