ViI . Die Botschaft

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Nikolaus Lenau: ViI . Die Botschaft (1832)

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Nach Saint-Germain zum Verkaufe
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Trägt ein Häuflein Bauersleute,
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Was der Herbst mit vollen Händen
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Ihm auf Flur und Garten streute.

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Neben schwer beladnem Wagen
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Läßt der Mann die Geißel knallen,
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In der Bäurin feinem Korbe
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Wird das schmucke Obst gefallen.

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Mit Geschichten, frohen Possen,
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Und nun wieder mit Gesängen
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Suchen sie sich wegzustehlen
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Ueber ihres Weges Längen.

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Hinter ihnen Pferdgetrappel:
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Und sie stehen, und sie schweigen,
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Und neugierig nach den Reitern
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Aug' und Ohr sie rückwärts neigen.

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In noch nie gesehner Eile,
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Brausend gleich empörten Wogen,
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In noch nie gesehnen Trachten
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Kommt die Schaar herangeflogen.

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Wer? wohin? woher des Weges?
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Rufen die erstaunten Bauern;
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Doch mit Staub die Rosseshufe
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Ihnen schnell den Mund vermauern. —

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Es ist Christoph Gonsiewski
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Von Smolensk der Wojewode,
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Der mit seinen Weggefährten
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Manches Roß gejagt zu Tode.

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Nimmer länger soll Johannes
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Schmachten in den Kerkermauern;
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Wladyslaw, sein treuer Bruder,
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Fühlt herzinniges Bedauern.

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Wladyslaw, der Polenkönig,
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König auch im Schwedenlande,
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Ist empört in tiefster Seele
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Ueber Frankreichs freche Schande.

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Und er ließ zu seinen Boten
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Zürnend seine Stimme tosen,
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Und das Wort das er gesendet
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An den König der Franzosen,

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Ist ein Blitz in sie gefahren,
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Der sie nun fortreißt geschwinde,
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Unaufhaltsam nach dem Orte,
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Wo er, freigelassen, zünde. —

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In dem Schlosse zu Saint-Germain
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Schnauben schon die müden Renner,
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Vor den argbetroffnen König
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Treten die sarmat'schen Männer.

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Schweiß entrollt den kühnen Stirnen,
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Und ihr Auge glüht im Zorne,
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Drohend klirren ihre Säbel,
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Ihre blutgetränkten Sporne.

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Und zum König nun beginnet
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Gonsiewski so zu reden:
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„wladyslaw hat uns gesendet,
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Herr der Polen und der Schweden:

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Habt Ihr nicht noch diese Stunde
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Seinen Bruder freigesprochen,
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Soll an Euch und Eurem Lande
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Blutig seyn die Schmach gerochen!

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Daß der Prinz das Land durchspähte,
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Euch an Spanien zu verrathen,
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Ist nur eine schnöde Lüge
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Eures tückischen Prälaten,

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Eine Lüge, ausgebrütet,
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Von der Kirche grimmstem Geier;
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Und in Eurer faulen Krone
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Nistet dieses Ungeheuer! —

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Oestreich, Spanien und Italien
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Werden sich an Polen halten,
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Eure Macht und Johanns Kerker
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Schnell mit

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Zornesbleich und furchtergriffen,
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Tiefbeschämet, starrt zur Erde
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König Ludwig, — und gebietet,
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Daß der Prinz befreiet werde.

(Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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