IiI . Der selige Abend

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Nikolaus Lenau: IiI . Der selige Abend (1832)

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Schnell versammelt um die Felsen
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Haben Wolken sich und Winde,
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Um den neuen Gast zu grüßen,
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Seines Kummers Spielgesinde;

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Ausgeloschen ist das Mondlicht
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Und der Sterne helles Flimmern,
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Durch die enge Fensterspalte
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Hört der Prinz die Lüfte wimmern.

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Traurig sinnend blickt Johannes
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In die dunkle Ferne nieder,
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Und es flattern seine Locken
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Windgeschaukelt hin und wieder,

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Flattern um die blasse Stirne,
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Wie das Laub der Trauerweiden
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Um die bleiche Marmortafel
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Ueber den begrabnen Freuden.

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Er gedenket eines Abends,
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Eines seligen vor allen,
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Als in Martigues er gelandet
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Mit den Freunden und Vasallen.

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Ruhig lag die sturmerprobte
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Genuesische Galeere,
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Lustig flogen ihre Wimpel,
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Und der Tag versank im Meere;

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Scheidend warf er seine Strahlen
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In der Wellen bunt Gedränge,
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Wie ein König, goldverstreuend,
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Scheidet von der frohen Menge.

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Nach dem Sturme lag die See nun
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Schön in ihrer stillen Größe,
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Nur noch manchmal an das Ufer
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Tönten bange Wellenstöße:

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Ist auch schon das Auge heiter,
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Und verstummt des Mundes Klage;
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Doch es zuckt nach starkem Weinen
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Noch das Herz im bangen Schlage.

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Lieblich war der Lüfte Säuseln
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Nach dem rauhen Sturmestosen,
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Auf der Meeresruhe schwebten
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Die Gesänge der Matrosen. — —

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Dicht am Strande, schmuck und wirthlich,
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Winkt der Gasthof mit dem Schilde
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Dreier Lilien, einzukehren
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Zu dem schönen Engelbilde:

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Klara Hebert, weit gepriesen
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Rings im Lande ob der Blüthe
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Ihrer Schönheit, weit im Lande
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Ob des Herzens Wundergüte.

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Laut mit ungestümer Freude
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Tritt der Seemann in das Zimmer,
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Dringend heischt er nach dem Becher;
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Doch sein Muth wird stiller immer:

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Ihm kredenzt der Wirthin Tochter
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Freundlich mit den zarten Händen,
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Und er läßt den Becher stehen,
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Kann sein Auge nimmer wenden;

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Nun sie seinem Blick entschwunden,
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Trinkt er aus mit raschem Zuge,
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Daß sie ihn noch einmal fülle,
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Klopft er sachte mit dem Kruge.

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Seine Seele wird ergriffen
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Schmerzlich von der Liebe Ahnen,
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Die für immer er verloren
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Auf den sturmbewegten Bahnen.

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Und er eilt hinaus zum Strande,
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Fort treibt ihn sein wild Verlangen,
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Daß die Stürme ihm entschlagen
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Dieses ungewohnte Bangen. —

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Mit dem glänzenden Gefolge
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War der Prinz nun angekommen.
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Ihn empfing die Wirthin rauschend,
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Ihre Tochter still beklommen.

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Schüchtern vor dem fremden Fürsten
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Steht sie, harrend der Befehle,
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Kaum zu ihm hinanzublicken
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Wagt ihr Auge, voller Seele.

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Tiefen Ernst und süße Schwermuth
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Sprechen seine schönen Züge,
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Und des Auges Blitz verkündet
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Hell des Muthes hohe Flüge.

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Froh erschrecken ihre Blicke,
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Und sie können nicht verweilen,
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Müssen mit dem lieben Bilde
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Schnell zurück zum Herzen eilen. —

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Ueberwältigt von der Liebe
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Selig dringendem Erwarten,
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Treten beide unwillkührlich,
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Stumm und bebend, in den Garten.

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Also wandeln sie noch lange
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Mit verschwiegenem Gefühle;
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Gastlich bieten hier die Bäume
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Süße Frucht und Schattentkühle.

(Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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