Ii. Der nächtliche Gang

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Nikolaus Lenau: Ii. Der nächtliche Gang (1832)

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Tiefe Nacht; — der stille Vollmond
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Hebt sich jenseits von den Auen,
3
Und die Wellen der Durance
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Sind ein Silberstrom zu schauen:

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Flüchtig eilen sie vorüber
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An den mondbeglänzten Riffen,
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Und von räthselhafter Wehmuth
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Fühlt der Wandrer sich ergriffen;

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Denn er hört im ruhelosen,
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Immergleichen Wellenschlage
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Ewig an die Sterne tönen
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Seines Herzens bange Frage:

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Ein Verrauschen, ein Verschwinden
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Alles Leben! — doch von wannen? —
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Doch wohin? — die Sterne schweigen,
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Und die Welle rauscht von dannen.

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Cisteron, das Städtchen, schlummert;
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Nur im Schloße lassen Worte
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Dumpf und eilig sich vernehmen,
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Und es dröhnt die Eisenpforte.

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Männer schreiten still und langsam
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Dort hinauf zum Felsenhause:
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Waffenknechte sind es, führen
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Den Gefangnen in die Klause.

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Johann Kasimir von Polen!
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Heiß durchrollt von Königsblute,
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Edler Sproß vom Stamme Wasa,
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Ach, wie mag dir seyn zu Muthe!

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Heldenjüngling, der du kämpftest,
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Ruhmbekränzt in manchen Schlachten,
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In verrätherischer Fremde
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Mußt du als Gefangner schmachten!

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Spricht man so im feinen Frankreich
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Hohn des Gastes heil'gem Rechte,
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Daß den freundgesinnten Fürsten
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Zwingen die Tyrannenknechte?!

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In des Mondes hellem Scheine
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Glänzen ihre Mordgewehre;
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Aber nicht des Polenfürsten
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Stolz und schnell verwischte Zähre.

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Auf dem steilen Stufenpfade,
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Eingehauen dem Granite,
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Heben sich in scheuer Windung
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Nach dem Gipfel ihre Schritte.

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Wagt es wer im schwanken Mondlicht
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Da den Pfad hinaufzuwallen,
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Bebend sieht er seinen Schatten
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In den grausen Abgrund fallen.

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Sinnend bleibt Johannes stehen,
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Und er hört im Niederlauschen
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Immer leiser dort die Schluchten,
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Leiser die Durance rauschen.

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Horch! ein Lüftchen aus den Auen,
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Wo die Nachtigallen singen,
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Kommt dem Armen nachgeflogen,
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Ihm noch einen Laut zu bringen.

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Weither kam das gute Lüftchen,
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Wie ein Kind, das frohbehende
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Einem Bettler, wenn er scheidet,
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Nacheilt mit der milden Spende.

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Und sie klimmen immer höher‚
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Nur noch ihre Tritte schallen‚
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Still ist nun der Wasser Rauschen,
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Still das Lied der Nachtigallen.

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Todesruhe deckt die Höhen,
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Die verlassnen Felsenklippen,
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Kein Gesträuch und keine Blume
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Auf des Abgrunds bleichen Lippen.

(Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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