I . Cisteron

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Nikolaus Lenau: I . Cisteron (1832)

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Welche Freude fühlt der Wandrer,
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Zieht er so im Frühlingsstrahle
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Durch die schönen, liedervollen,
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Wonnigen Provencerthale!

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Heißer glüht der Kuß der Sonne
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Auf den blumenreichen Matten;
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Süß're Labung rauscht die Quelle,
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Kühler säuseln hier die Schatten.

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Voller tönt des Donners Stimme,
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Und die Sterne blinken heller,
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Rascher blüht die Frucht und reifet,
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Und die Liebe zündet schneller.

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Unbesiegbar und unendlich
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Ist der Liebe banges Sehnen,
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Und es nagen in die Herzen
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Tiefer ihre Spur die Thränen.

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Aber führt der Weg den Wandrer
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An den Ort, den ich besinge,
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Kann er nicht dem Schauder wehren,
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Daß er ihm das Herz durchdringe.

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Am Gestade der Durance
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Sieht er eines Städtchens Mauern,
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Grauberäuchert, hin und wieder
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Seine stillen Häuser trauern.

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Grausenhafte Felsenschlünde
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Sieht der Wandrer dicht daneben,
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Selten auf granitnem Blocke
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Einen Strauch im Winde beben.

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In dem nächtlichen Reviere
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Scheint der Tod sich zu ergehen,
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Und den Leben nachzusinnen,
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Die sein Odem wird verwehen.

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Von den Klippen, wie verzweifelnd,
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Stürzt der Wildbach in die Tiefe,
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Und er brauset in den Schluchten,
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Ob er bang nach Hülfe riefe.

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Furchtsam ruht am Fuß des Berges
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Städtchen Cisteron geschmieget,
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Wie zu des Gebieters Füßen
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Weinend eine Sklavin lieget.

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Auf dem Berge ragt Gemäuer,
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Und in längstverblichnem Glanze
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Herrschten hier von ihrem Schlosse
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Einst die Grafen der Provence.

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Wie so traurig da dem Wandrer
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Die verfallnen Thürme winken:
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Alles Edle hier auf Erden,
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Alles muß am Ende sinken!

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An den Thürmen, steil und plötzlich,
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Hebt sich eine Felsenmasse,
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Eine Herberg für die Wolken,
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Auszuruh'n auf ihrer Straße.

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Und zuhöchst am Felsenhaupte
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Steht ein Häuschen, einsam, wüste,
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Wo der Heide mit dem Opfer
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Seine Götter einst begrüßte.

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Doch in unsern schlimmen Tagen
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Ward der Tempel zum Gefängniß,
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Wo die Tyrannei ihr Opfer
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Quält in heimlicher Bedrängniß.

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Ludewig, du böser König!
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Richelieu, du arger Priester!
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Wagt der König nicht den Frevel,
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Schon vollbringt ihn der Minister.

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Zu beklagen ist die Menschheit,
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Will ein Priester ihr gebieten,
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Statt den Himmel ihr zu geben,
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Raubt er ihr die Erdenblüthen.

(Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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