Glauben. Wissen. Handeln

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Nikolaus Lenau: Glauben. Wissen. Handeln (1832)

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Schon ist der Berge Purpurgluth verglommen,
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Und zitternd flieht des Tages lezter Strahl
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Der Nacht schon aus dem Wege. Sey willkommen,
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O Dunkelheit, im ernsten Eichenthal! —
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Hier zünd' ich Nachts mein Herz zum hellen Feuer
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Des Schmerzes an, und starre stumm hinein;
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Und schwillt die Flamme, wird sie ungeheuer,
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Ich steh' dabei, und starre stumm hinein;
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Gelockt vom Scheine, schwirren dann in Schaaren,
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Wie Mücken auf der Lüfte lauer Fluth,
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Erinnerungen her aus fernen Jahren,
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Und werfen dürre Reiser in die Glut.
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Sie singen mir, um's Feuer dicht gekauert,
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Viel längst verklungne Melodieen vor,
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Wie einst gejubelt ich, und wie getrauert,
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Und wie der Seele Frieden ich verlor.
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Sie singen mir von meinen Jugendträumen,
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Wie mir das Leben einst so hold, so traut,
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Umsäuselt von Hesperiens Blüthenbäumen,
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Entgegentrat als eine schöne Braut:
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Ein Schleier hielt das Liebchen mir umschlungen,
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Der geizig zwar mit meinen Blicken rang;
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Doch mancher Reiz, der leichten Haft entsprungen,
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Flog mir an's Herz, das ihm entgegendrang.
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Die schöne Braut gab mir die Hand zur Reise,
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Und selig schritten wir und rasch dahin.
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Wir sahn am Himmel goldne Wölkchen zieh'n,
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Voreilend trat die Freude uns die Gleise.
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Wir wallten durch des Glaubens Paradiese,
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Wo jedes Lüftchen uns von Gott erzählt,
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Wo uns von ihm jed' Blümchen auf der Wiese
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Ein Liebeszeichen froh entgegenhält;
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Wo die beschwingte Sehnsucht: Filomele
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Laut ruft und innig in die Mondennacht,
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Daß ihre Schwester, die verwandte Seele,
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Von ihrem Ruf in unsrer Brust erwacht,
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Erwacht und Gottes süßen Namen singt,
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Und aus der Brust zu ihm hinüberdringt.
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Wo der Sturm, ein trunkener Sänger Gottes, dahinbraust,
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Mit fliegender Locke, mit rauschendem Nachtgewand,
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Die Harfe schlagend im feurigen Fluge dahinbraust
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Durch Thal und Gebirg', durch Meer und Wüstensand.
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Wie zwingt er die Donnerakkorde hervor aus den Saiten!
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Wie sucht sein strahlender Blick nach Gott durch die Weiten!
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Ihn hören die Wogen des Meeres, berauscht, und springen
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Vom schaukelnden Schooße des Schlummers zu Gott empor,
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Und taumeln entzückt in die Arme sich, und singen:
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„allmächtiger Gott!“ im tausendstimmigen Chor;
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Ihn hören die Berg', und seine gewaltigen Lieder,
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Sie tönen von ihrem erschütterten Busen wieder;
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Tief seufzen die Wälder und neigen ihr Angesicht,
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Die Ufer fassen den Jubel der Ströme nicht,
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Sehnsuchtergriffen, stürzen vom Fels sich herab
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Die Tannen und suchen im Wonnetumult ihr Grab.
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Des Sturmes Gesang durchtönt die glühende Wüste,
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Der grimmige Löwe, vom heiligen Klang umweht,
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Läßt fahren die Beut', es schweigt sein blutig Gelüste,
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Er flieht zur Höhl', und zittert sein Gebet.
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Dem Menschen entstürzt der Thränen seliger Schwall,
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Und lauter ruft im Busen die Nachtigall. —
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Doch zogen wir fort aus dem Paradiese,
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Wo jedes Lüftchen uns von Gott erzählt,
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Wo uns von ihm jed' Blümchen auf der Wiese
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Ein Liebeszeichen froh entgegenhält;
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Wo eine Blum', aus allen Blumen ragend,
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Prangt, holdumstrahlt vom ew'gen Morgenlicht,
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Die schönste Liebesblüthe Gottes tragend,
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Des todten Heilands lächelnd Angesicht.
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Und in der Forschung Wälder trat, ein Thor, ich
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Aus jenem gottbeseelten Paradies,
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Und all' des Herzens fromme Lust verlor ich,
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Seit ich des Glaubens treue Spur verließ.
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Im Labyrinthe floß in leisen Tropfen
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Durchs Laubgewölb' das Licht, Staubregen kaum;
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Mich aber trieb mein Herz mit starkem Klopfen,
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Zu suchen der Erkenntniß hohen Baum.
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Scheu floh der Pfad die ungeweihten Tritte,
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Entschlüpfend in des Dickichts wirre Nacht,
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Doch hascht' ich ihn, bis in des Waldes Mitte
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Vor mir aufragt' in wunderbarer Pracht
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Der Baum, nach dem mein lautes Herz sich sehnte,
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Deß Gliederbau sich rings im stolzen Drang
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Unübersehbar in die Lüfte dehnte; —
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Ich stand, entzückt, und lauscht', erwartungbang:
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Da hört' ich leise räthselhaftes Flüstern
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Im dunkeln Laub, rasch flog von Ast zu Ast
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Mein Blick empor und fragte jeden lüstern:
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Trägst du vielleicht der Früchte süße Last?
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Nun sah ich sie an hohen Zweigen blinken,
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Und meine Seele seufzte heiß empor,
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Der goldnen Frucht erquickend Süß zu trinken;
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Da sprach es aus der Blätternacht hervor:
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„wohl siehst du hier die goldnen Früchte ragen,
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„doch zarte, schwanke Zweige halten sie,
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„die deines Leibes Schwere nicht ertragen,
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„d'rum klimme nicht, du pflückst die Früchte nie!“
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Und trauernd wandt' ich meinen Schritt von dannen,
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Nun fiel mein Blick auf meine liebe Braut,
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Und meines Schmerzes erste Thränen rannen,
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Als ich in's bleiche Antlitz ihr geschaut;
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Am Fußgesträuch des Baumes blieb er hangen
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Der Schleier, der so lieblich sie umfangen,
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Und ihr entsanken alle Reize, todt,
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Wie, frostverhaucht, der Ros' ihr welkes Roth.
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„zurück, zurück, mein Liebchen, laß uns fliehen,“
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— So rief ich, — „wo die Wunderblume blüht,
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„wir wollen fromm vor ihr im Staube knieen,
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„vielleicht, daß dort dein Auge wieder glüht,
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„daß, auferweckt von ihrem Wunderhauche,
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„die Schönheit frisch auf deiner Wange keimt,
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„die du verlorst am unheilvollen Strauche!“
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Doch all' der Trost war leider nur geträumt;
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Denn wie wir auch im Labyrinthe suchten,
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Wir fanden nimmermehr den Weg zurück. — —
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Als wir entronnen endlich jenen Schluchten,
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Hob sich ein stolzer Bau vor unserm Blick.
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Wir traten ein in eine weite Halle,
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Da trieb in lautem Wirbel ohne Rast
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Ein Menschenschwarm herum, Wettkämpfer alle,
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Bewaffnet bunt, umflirrt von eitlem Glast.
121
Da saß erhöht in einer Nische, schweigend,
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Ein Weib ehrwürdiger Gestalt, und schien,
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Ihr Haupt herab zur lauten Bühne neigend,
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Zu lauschen dem entbrannten Kampfesmühn.
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Nun lief durch's wirre Volk ein Jubelklang,
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Und, sieh! ein Mann der Schlachten trat hervor,
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Vom Leichendunst hoch aufgebläht, und schwang,
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Zur Nische seinen Eichenkranz empor:
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„für dich, o Mutter, hab' ich ihn gebrochen,
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„und blutig bist, Germania, du gerochen!“
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Doch hörte man die Frau kein Wörtchen sagen,
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Als nähm' sie's hin mit ruhigem Behagen.
133
Dann trat begeistert auf und feierlich
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Ein Sängerchor und sang zum Harfenspiele
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„wie lieben wir, erhabne Mutter, dich!“
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Doch diese schwieg, ob solches ihr gefiele.
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Zur Nische streckten Viele noch die Arme,
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Frohlockend: „Heil der großen Mutter, Heil!“
139
Und Zepter taucht', und Juful aus dem Schwarme,
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Und klirrend tauchten
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Noch immer saß das Weib ein stummer Späher,
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Da trat ich forschend ihrem Sitze näher:
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Todt war sie, todt! — In ihrer Züge Schatten
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Stand noch des Grames stille Siedelei,
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Fort war die
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Der Vorzeit, wo der Seelen heil'ge Drei
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Nun irrt: die hohe Roma, stumm und düster,
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Die schöne Hellas, bang, mit Klaggeflüster,
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Und, ihren Schwestern traulich sich vereinend,
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Germania, die gute, leise weinend. — —
151
Das Schicksal ging nun finster mir vorüber,
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Mit Majestät und Schrecken angethan,
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Und winkte mir, zu wandern meine Bahn
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Durch Heideland, verlass'ner stets und trüber.
155
Und dir, mein Leben, warf zur stillen Feier
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Den Gram das Schicksal um dein Angesicht,
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Von ihm gewoben dir zum zweiten Schleier,
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Der fester sich um deine Züge flicht:
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Erst wenn wir uns zu seligem Vergessen
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Hinlegen in das traute, liebe Grab,
161
Löst er von deinem Angesicht sich ab,
162
Und hängt sich an die säuselnden Cypressen.

(Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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