Trüber Gang

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Nikolaus Lenau: Trüber Gang (1832)

1
Am Strand des Lebens irr' ich, starre düster
2
Ins Todesmeer, umhüllt von Nebelflor;
3
Und immer wird der Strand des Lebens wüster,
4
Und höher schlägt die Fluth an ihm empor. —
5
O strömt, ihr Thränen, strömt! — im Weiterirren
6
Seh' ich die längstverlornen Minnestunden,
7
Ein neckend Schattenvolk, vorüberschwirren,
8
Und neuer Schmerz durchglüht die alten Wunden.
9
Die Asche meiner Hoffnungen, die Kränze
10
Geliebter Todten flattern mir vorüber,
11
Gerissen in des Sturmes wilde Tänze,
12
Und immer wird's in meiner Seele trüber. —
13
Das Christuskreuz, vor dem in schönen Tagen
14
Ein Kind ich, selig weinend, oft gekniet,
15
Es hängt hinab vom Strande nun, zerschlagen,
16
Darüber hin die Todeswelle zieht. —
17
Seltsame Stimmen mein' ich nun zu hören:
18
Ein wirres Plaudern bald kommt's meinem Lauschen
19
Meerüber her, bald tönt's in leisen Chören,
20
Dann wieder schweigt's, und nur die Wellen rauschen. —
21
Ein ernster Freund, mein einziges Geleite
22
Weist stumm hinunter in die dunkle Fluth;
23
Stets enger drängt er sich an meine Seite:
24
Umarme mich, du stiller Todesmuth!

(Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Aus: Haider, Thomas: Deutsches Lyrik Korpus (DLK) v5.0, 2022. Ursprünglich aus Wikisource (Wikimedia Foundation Inc.) übernommen und durch das Deutsche Textarchiv (DTA) aufbereitet und angereichert; als DLK-Ausgabe bearbeitet und kuratiert. Lizenz: Verbreitet unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Lizenz (CC BY-SA 4.0). Änderungen: Textkorrekturen, Anreicherung mit Metadaten und Textannotationen sowie Konvertierung durch Textopus.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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