Marie und Wilhelm

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Nikolaus Lenau: Marie und Wilhelm (1832)

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Im Abendschein am Fenster saß
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Allein mit ihrem Harme
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Marie, das Antlitz welk und blaß
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Gesenkt auf ihre Arme.

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So saß das Mädchen still und sann,
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Sann nach den alten Zeiten,
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Und manche heiße Thräne rann
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Den schönen alten Zeiten:

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Als sie im trauten Hüttlein noch
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Bei lieben Eltern wohnte,
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Und süßer Gottesfriede noch
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Der reinen Seele lohnte;

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Als sie so fromm zur Kirche ging,
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Und ihre Wange glühte,
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Wenn jedes Aug' im Dorfe hing
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An ihrer Jugendblüthe.

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Als sie am lauten Erlenbach
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Dem Wilhelm, freudetrunken,
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Das erste Wort der Liebe sprach,
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Und ihm ans Herz gesunken;

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Und er sie nannte „süße Braut!“ —
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„das Alles ist vorüber!“
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So dachte sie, und schluchzte laut,
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Ihr Herz ward immer trüber.

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„es kam der Feind im Sturmeslauf
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„mit grimmen Todesstreichen;
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„das Hüttlein sank ein Aschenhauf,
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„die Eltern — wunde Leichen.

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„die Eltern todt! Er in die Welt!
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„die Thräne rann vergebens!
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„ich in die Nacht hinausgestellt
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„des unbekannten Lebens! —

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„da glänzt' ein milder Strahl daher
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„im hoffnunglosen Dunkel,
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„ein böses Irrlicht, lockend sehr
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„mit lieblichem Gefunkel:“

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„„Laß ab zu klagen, Kind, laß ab!
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„„Komm, folge deinem Sterne!
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„„Die Eltern kühlt und heilt das Grab,
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„„Den Bräutigam die Ferne!““

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„„Bald sollst du als beglückte Frau
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„„Genesen aller Leiden;
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„„Komm, folge mir zur Liebesau
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„„Voll ewig grüner Freuden!““

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„ich wischte mit treuloser Hand
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„die Thränen von der Wange,
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„und ging — und ging — das Irrlicht schwand
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„am furchtbar steilen Hange!

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„nun ist mein Herz so grabesdumpf,
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„verlassen wie die Wüste,
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„seit in den bodenlosen Sumpf
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„gesunken ich der Lüste!“ —

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Marie blickt in die Nacht hinein
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Aus ihrem stillen Zimmer;
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Schon ist am Himmel Sternenschein
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Und sanfter Mondenschimmer.

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Im Garten ruft die Nachtigall,
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Sie scheint in bangen Weisen
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Zu klagen um des Mädchens Fall,
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Die Unschuld süß zu preisen.

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Und leise kommt der Abendwind,
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Der ihren Locken schmeichelt,
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Als wollt' er trösten, ihr gelind
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Die bleiche Wange streichelt.

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Geh fort, o West, vom Mädchen, geh!
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Laß ruhn den welken Flieder!
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Du thust ihr mit den Blüthen weh,
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Die du auf sie streust nieder! — —

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Da öffnet sich das Kämmerlein:
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Es ruft ein Mann: „Maria!“
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Die Freude stoßt ihn wild herein:
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„o meine Braut Maria!“

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„ich habe nun mein Glück erjagt,
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„mich durch die Welt getrieben;
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„hab' viel gelitten, viel gewagt,
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„und bin dir treu geblieben!“

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„wenn schier mein Herz vor Leide brach
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„an lieblos fremdem Orte,
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„so dacht' ich an den Erlenbach,
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„ich dacht' an deine Worte!“ —

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Er preßt sie selig an das Herz;
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Sie aber muß sich wenden,
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Sie hüllt, zerknickt von ihrem Schmerz,
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Das Antlitz mit den Händen.

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Und leichenblaß und zitternd bricht,
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Sie hin zu seinen Füßen;
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Er weint, er deckt ihr Angesicht
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Mit feurig bangen Küssen.

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„mir nicht den Kuß! bin sein nicht werth;
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„tief sank ich ins Verderben!
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„bin treulos, Wilhelm, und entehrt!
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„zieh fort, und laß mich sterben!“ —

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Wie also sie zu Wilhelm sprach,
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Da schied er, schwer beklommen,
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Ging still hinaus zum Erlenbach,
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Der ihn mit fort genommen.

(Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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