6. Johannisthau

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Annette von Droste-Hülshoff: 6. Johannisthau (1860)

1
Es ist die Zeit nun, wo den blauen Tag
2
Schon leiser weckt der Nachtigallen Schlag,
3
Wo schon die Taube in der Mittagsgluth
4
Sich trunkner, müder breitet ob der Brut,
5
Wo abends, wenn das Sonnengold zergangen,
6
Verlorner Funke irrt, des Wurmes Schein,
7
An allen Ranken Blütenbüschel hangen,
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Und Düfte zieh’n in alle Kammern ein.

9
„weck’ mich zur rechten Zeit, mein Kamerad,
10
Versäumen möcht’ ich Sanct Johannis Bad
11
Um Alles nicht; ich hab’ das ganze Jahr
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Darauf gehofft, wenn mir so elend war.
13
Jerome, du mochtest immer gut es meinen,
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Bist auch, wie ich, nur armer Leute Kind.
15
Doch hast du klare Augen und die Deinen,
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Und ich bin eine Waise und halb blind!

17
Hat schon der Hahn gekräht? ich hab’s verfehlt;
18
Oft schlaf’ ich fest, wenn mich der Schmerz gequält.
19
Ob schon die Dämmrung steigt, ich seh’ es nicht,
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Mir fährt’s wie Spinneweben am Gesicht;
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Doch dünkt mich, hör’ im Walde ich Gebimmel
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Und Peitschenknall; was das für Fäden sind,
23
Die mir am Auge schwimmen? lieber Himmel,
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Ich bin nicht halb, ich bin beinah’ schon blind.

25
Hier ist der Steg am Anger, weiter will
26
Ich mich nicht wagen, hier ist Alles still,
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Und Thau genug für Kranke allzumal
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Des ganzen Weilers, eh’ der Sonnenstrahl
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Mit seinem scharfen Finger ihn gestrichen
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Und aufgesogen ihn der Morgenwind;
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Doch ist kein Zweiter wohl hieher geschlichen;
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Denn, Gott sei Dank, nur Wenige sind blind.

33
Das ist ein Büschel — nein — doch
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Ich fühle meine Finger kalt und naß;
35
Johannes, heiliger Prophet, ich kam
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In deinem werthen Namen her und nahm
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Von jenem Thaue, den im Wüstenbrande
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Die Wolke dir geträufelt, lau und lind,
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Daß nicht dein Auge in dem heißen Sande,
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Nicht dein gesegnet Auge werde blind.

41
Gepredigt hast du in der Steppengluth —
42
So weißt du auch, wie harte Arbeit thut;
43
Doch arm und nicht der Arbeit fähig sein,
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Das ist gewiß die allergrößte Pein.
45
Du hast ja kaum geruht in Mutterarmen,
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Warst früh ein elternlos, verwais’tes Kind,
47
Woll’ eines armen Knaben dich erbarmen,
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Der eine Waise ist wie du, und blind!“

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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