5. Höhlenfey

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Annette von Droste-Hülshoff: 5. Höhlenfey (1860)

1
Siehst du drüben, am hohlen Baum,
2
In’s Geklüfte die Schatten steigen,
3
Ueber’m Bord, ein blanker Saum,
4
Leises Quellengeriesel neigen?
5
Das ist die Eiche von Bagneres,
6
Das ist die Höhle Trou de fer,
7
Wo sie tags in der Spalten Raum,
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Nächtlich wohnt in den surrenden Zweigen?

9
O sie ist überalt die Fey,
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Laut Annalen, vor grauen Jahren,
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Zwei Jahrhunderten oder drei
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Mußte sie seltsam sich gebahren:
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Bald als Eule mit Uhu,
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Bald als Katze und schwarze Kuh;
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Auch als Wiesel mit seinem Schrei
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Ist sie über die Kluft gefahren.

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Aber, wenn jetzt im Mondenschein
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Zarte Lichter den Grund betüpfen,
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Sieht mitunter man am Gestein
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Sie im schillernden Mantel hüpfen,
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Hört ihr Stimmchen, Gesäusel gleich;
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Aber nahst du, dann nickt der Zweig
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Und das Wasser wispert darein,
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Und du siehst nur die Quelle schlüpfen.

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Reich an Gold ist der Höhle Grund,
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O wie Guinea und wie Bengalen!
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Und man spricht vom bewachenden Hund,
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Doch deß melden nichts die Annalen.
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Aber Mancher, der wundersam,
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Unbegreiflich zu Gelde kam,
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Ließ, so kündet der Sage Mund,
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Es am Baum von Bagneres sich zahlen.

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Barg einen Beutel im Hohle breit,
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Drin den neuen Liard, bedächtig,
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Recht in der sengenden Mittagszeit,
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Die den Geistern wie mitternächtig,
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Fand ihn abends mit Gold geschwellt, —
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O kein Christ komme so zu Geld!
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Falsch war Feyengold jederzeit,
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Kurz das Leben, und Gott ist mächtig.

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Einmal nur, daß mich deß gedenkt,
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Ist ein Mann an den Baum gegangen,
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Hat seinen Sack hineingesenkt,
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Groß eines Königs Schatz zu fangen;
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’s war ein Wucherer, war ein Filz,
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Ein von Thränen geschwellter Pilz,
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Nun, er hat sich zuletzt gehenkt, —
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Besser hätt’ er schon da gehangen.

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Hielt die Lippen so fest geklemmt,
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— Denn Geflüster nur, mußt du wissen, —
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Das ist eben, was Alles hemmt,
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Lieber hätt’ er die Zunge zerbissen; —
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Barfuß kam er, auf schlechten Rath,
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Und als da in die Scherb’ er trat,
55
Hat er sich nur an den Baum gestemmt
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Und den Schart aus der Wunde gerissen.

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Doch als aus dem Gemoder scheu
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Schlüpft ’ne Schlange ihm längs den Haaren,
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Da ist endlich ein kleiner Schrei,
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Nur ein winziger, ihm entfahren;
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Und am Abend verschwunden war
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Großer Sack und neuer Liard.
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O verrätherisch ist die Fey!
64
Und es wachen der Hölle Schaaren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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