3. Der Loup Garou

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Annette von Droste-Hülshoff: 3. Der Loup Garou (1860)

1
Brüderchen schläft, ihr Kinder, still!
2
Setzt euch ordentlich her zum Feuer!
3
Hört ihr der Eule wüst Geschrill?
4
Hu! im Walde ist’s nicht geheuer,
5
Frommen Kindern geschieht kein Leid;
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Drückt nur immer die Lippen zu,
7
Denn das böse, das lacht und schreit,
8
Das holt die Eul’ und der Loup Garou.

9
Wißt ihr, dort, wo das Naß vom Schiefer träuft
10
Und über’m Weg ’ne andre Straße läuft,
11
Das nennt man Kreuzweg und da geht er um
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Bald so, bald so, doch immer falsch und stumm,
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Und immer schielend; vor dem Auge steht
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Das Weiße ihm, so hat er es verdreht.
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Dran ist er kenntlich und am Kettenschleifen,
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So trabt er, trabt, darf keinem Frommen nah’n
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Die schlimmen Leute nur, die darf er greifen
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Mit seinem langen, langen, langen Zahn.

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Schiebt das Reisig der Flamme ein,
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Puh, wie die Funken knistern und stäuben!
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Pierrot, was soll das Wackeln sein?
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Mußt ein Weilchen du ruhig bleiben,
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Gleich wird die Zeit dir Jahre lang.
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Laß doch den armen Hund in Ruh!
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Immer sind deine Händ’ im Gang,
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Denkst du denn nicht an den Loup Garou?

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Vom reichen Kaufmann hab’ ich euch erzählt,
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Der seine dürst’gen Schuldner so gequält,
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Und kam mit sieben Säcken von Bagneres,
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Vier von Juwelen, drei von Golde schwer;
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Wie er aus Geiz den schlimmen Führer nahm,
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Und ihm das Unthier auf den Nacken kam.
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Am Halse sah man noch der Kralle Spuren,
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Die sieben Säcke hat es weggezuckt,
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Und seine Börse auch, und seine Uhren,
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Die hat es all’ zerbissen und verschluckt.

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Schließt die Thür, es brummt im Wald!
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Als die Sonne sich heut verkrochen,
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Lag das Wetter am Riff geballt,
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Und nun hört man’s sieden und kochen.
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Ruhig, ruhig, du kleines Ding!
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Hörst du? — drunten im Stalle — bu!
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Hörst du’s? Hörst du’s? kling, klang, kling,
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Schüttelt die Kette der Loup Garou.

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Doch von dem Trunkenbolde wißt ihr nicht,
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Dem in der kalten Weihnacht am Gesicht
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Das Thier gefressen, daß am heil’gen Tag
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Er wund und scheußlich über’m Schneee lag.

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Zog von der Schenke aus, in jeder Hand
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’ne Flasche, die man auch noch beide fand.
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Doch wo die Wangen sonst, da waren Knochen,
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Und wo die Augen, blut’ge Höhlen nur;
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Und wo der Schädel, hier und da zerbrochen,
54
Da sah man deutlich auch der Zähne Spur.

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Wie am Giebel es knarrt und kracht?
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Caton, schau auf, die Bühne droben! —
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Aber nimm mir die Lamp’ in Acht —
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Ob vor die Lucke der Riegel geschoben.
59
Pierrot, Schlingel, das rutscht herab
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Von der Bank, ohne Strümpf’ und Schuh!
61
Willst du bleiben, tapp, tipp, tapp,
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Geht auf dem Söller der Loup Garou.

63
Und meine Mutter hat mir oft gesagt
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Von einem tauben Manne, hochbetagt,
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Fast hundertjährig, dem es noch geschehen
66
Als Kind, daß er das Scheuel hat gesehen,
67
Recht wie ’nen Hund, nur weiß wie Schnee und ganz
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Verkehrt die Augen, eingeklemmt den Schwanz,
69
Und spannenlang die Zunge aus dem Schlunde,
70
So mit der Kette weg an Waldes Bord,
71
Dann wieder sah er ihn im Tobelgrunde,
72
Und wieder sah er hin, — da war er fort.

73
Hab’ ich es nicht gedacht? es schneit!
74
Ho, wie fliegen die Flocken am Fenster!
75
Heilige Frau von Embrun, wer heut
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Draußen wandelt, braucht keine Gespenster;
77
Irrlicht ist ihm die Nebelsäul’,
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Führt ihn schwankend dem Abgrunde zu,
79
Sturmes Flügel die Todteneul’,
80
Und der Tobel sein Loup Garou.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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