1. Sylvesterfey

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Annette von Droste-Hülshoff: 1. Sylvesterfey (1860)

1
Der morsche Tag ist eingesunken,
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Sein Auge gläsern, kalt und leer,
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Barg keines Thaues linden Funken
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Für den gebräunten Eppich mehr.
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Wie’s draußen schauert! — längs der Wand
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Ruschelt das Mäuslein unter’m Halme
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Und langsam sprießt des Eises Palme
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Am Scheibenrand.

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In tiefer Nacht wem soll noch frommen
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Am Simse dort der Lampe Strahl?
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Da schon des Heerdes Scheit verglommen,
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Welch späten Gastes harrt das Mahl?
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Längst hat im Thurme zu Escout
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Die Glocke zwölfmal angeschlagen
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Und glitzernd sinkt der Himmelswagen
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Dem Pole zu.

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Durch jener Kammer dürre Barren
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Zieh’n Odemzüge, traumbeschwert,
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Ein Ruck mitunter, auch ein Knarren,
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Wenn sich im Bett der Schläfer kehrt;
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Und nur ein leiser Husten wacht,
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Kein Traum die Mutter hält befangen,
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Sie kann nicht schlafen in der langen
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Sylvesternacht.

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Jetzt ist die Zeit, wo los’ und schleichend
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Die Fey sich durch die Ritze schlingt,
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Mit langer Schlepp’ den Estrich streichend,
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Das Schicksal in die Häuser bringt,
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An ihrer Hand das Glück, Gewind’
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Und Ros’ im Lockenhaar, ein schlankes,
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Das Mißgeschick ein fieberkrankes,
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Ein weinend Kind.

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Und trifft sie Alles recht zu Danke
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Geordnet von der Frauenhand,
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Dann nippt vom Mahle wohl die schlanke
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Und läßt auch wohl ein heimlich Pfand;
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Doch sollt’ ein Frevler lauschen, risch,
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Im Hui zerstoben ist die Scene,
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Und scheidend fällt des Unglücks Thräne
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Auf Heerd und Tisch.

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O keine Bearnerin wird’s wagen
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Zu steh’n am Astloch, lieber wird
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Ein Tuch sie um die Augen schlagen,
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Wenn durch den Spalt die Lampe flirrt;
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Manon auch drückt die Wimper zu,
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Und zupft an der Gardine Linnen;
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Doch immer, immer läßt das Sinnen
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Ihr keine Ruh.

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Ward glatt das Lailach auch gebreitet?
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Hat hell der Becher auch geblinkt?
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Ob jetzt das Glück zum Tische gleitet,
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Ein Bröcklein nascht, ein Tröpflein trinkt?
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Oft glaubt sie zarter Stimmen Hauch,
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Verschämtes Trippeln oft zu hören,
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Und dann am Brode leises Stören
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Und Knuspern auch.

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Sie horcht und horcht — das war ein Schlüpfen!
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Doch nein — der Wind die Föhren schwellt,
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Und das — am Flur ein schwaches Hüpfen,
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Wie wenn zum Grund die Krume fällt!
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„eugene, was wirfst du dich umher,
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Was soll denn das Gedehn’ und Ziehen?
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Mein Gott, wie ihm die Händchen glühen!
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Er träumt so schwer.

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Sie rückt das Kind an ihrer Seiten,
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Den Knaben dicht zu sich heran,
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Läßt durch sein Haar die Finger gleiten,
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Es hangen Schweißes Tropfen dran;
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Erschrocken öffnet sie das Aug’,
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Will nach dem Fensterglase schauen,
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Da eben steigt das Morgengrauen,
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Ein trüber Rauch.

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Vom Lager fährt die Mutter, bebend
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Hat sie der Lampe Docht gehellt,
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Als sachte über’m Lailach schwebend
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Ein Epheublatt zu Boden fällt.
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Das Glück! das ist des Glückes Spur?
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Doch nein! — sie pflückt es ja dem Kinde,
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Und dort nascht an der Semmelrinde
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Die Ratte nur.

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Und wieder aus der Kammer stehlen
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Sich Seufzer, halbbewußt Gestöhn;
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„o Christ, was mag dem Knaben fehlen,
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Eugene, wach auf, wach auf Eugene!
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Du lieber Gott, ist so geschwind,
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Eh’ noch der Morgenstrahl entglommen,
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Das Unglück mir in’s Haus gekommen
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Als krankes Kind.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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