Der Nachtwandler

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Nachtwandler (1860)

1
Siehst du das Haus an dem Gehäge nicht?
2
Die Dämmrung sinkt, laßt uns vorübereilen,
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Bald hebt der Vollmond sein gespenstig Licht,
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Dann ist nicht gut in jener Nähe weilen;
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Hier schwebt kein Spuck den Buchengang hinauf,
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Kein Räuber paßt im finstern Schuppen auf,
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Ein Bürgerhaus, ein bürgerlich Beginnen,
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Es wohnt ein Krämer, wohnen Diener drinnen.

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Alt ist der Herr, wie alt, man weiß es kaum,
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Er liebt es nicht, im Kirchenbuch zu lesen;
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Ihm lebt’ ein Weib vor vieler Jahre Raum,
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Er hatt’ ein Kind, das ist nun lang gewesen;
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Man sagt, er habe ihr den Arzt versagt,
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Mit schlechter Kost zu Tod das Kind geplagt;
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Was sagt man nicht, um Leute zu verdammen,
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Wo sich das Gold in Haufen rollt zusammen.

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Einst war er arm, hat kümmerlich gezehrt,
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Wohl kümmerlicher noch als Andre eben;
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Da, heißt es, hab’ um eines Thalers Werth
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Er einen Dieb dem Galgen übergeben.
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Jung sei der Dieb gewesen, hungerbleich,
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Und seine Mutter krank, man glaubt es gleich;
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Dies folgt dem Reichen; sieh die Hütten drüben!
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Dort wohnt die Noth, sein ist ihr Gut geblieben.

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Man kann ihn fleißig in der Kirche sehn,
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Und seine Sitten dürfte Keiner rügen;
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Doch seit des Körpers Kräfte ihm vergehn,
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Muß einem schweren Siechthum er erliegen;
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So oft der Vollmond senkt den blassen Schein,
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Hüllt er sich schaudernd in das Lailach ein,
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Und kömmt vom Bett, das Kerzenstümpflein tragend,
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Ein Diener folgt ihm ganz von fern und zagend.

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Durch jene Hüttenfenster sieht man dann
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Am langen Tisch ihn emsig wieder zählen,
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Am Golde schaben, und mit raschem Spann
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Ihn plötzlich greifen, wie nach Diebeskehlen;
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Schon ist auch wohl ein Schrei hinausgeschallt,
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Als thue einer Seele man Gewalt,
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Bis ihm die Arme sinken wie verwittert,
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Und weiter er mit seinem Stümpfchen zittert.

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Sein nächster Gang ist in die Kammer, wo
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Bei einem größern Lager steht ein kleines;
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Dort kramet er am Bettchen so und so,
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Als öffn’ er eine Flasche edlen Weines,
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Und gießt dann, gießt, als sei es nie genug,
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Und stopft und legt wie Bissen an das Tuch,
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Dann stoßend scheint er an den Puls zu greifen,
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Gebückt, als lauschend schwachen Odems Pfeifen.

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Schleicht dann zu jenes Lagers grobem Flaus,
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Scheint tröpfelnd über Arzenei’n zu bücken;
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Er breitet schweigend eine Decke aus,
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Und einen Schrein scheint er herbei zu rücken,
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Er horcht, dann öffnet er das Fenster schnell,
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Das Fenster, wo man sieht den Galgen hell, —
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Der Diener spricht, man hört ein dumpf Gejammer,
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Das Fenster klirrt, und dunkel ist die Kammer.

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Scheint’s nicht zu schimmern an der Scheibe dort?
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Siehst du es leise glimmen, Funken zittern?
59
Nun zuckt ein blaues Flämmchen, fort, nur fort!
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Mir ist, als woll’ es über uns gewittern.
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Schau nicht zurück! Verwegner, fluch’ ihm nicht!
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Laß ihn allein mit Gott und dem Gericht!
63
Meinst du, ein Fluch vergrößre seine Leiden?
64
Den Dieb am Galgen möchte er beneiden!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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