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Einst vor dem Thron Mutassin des Kaliphen
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In Fesseln klirrend ein Verbrecher stand,
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Dem, als vom Trunk betäubt die Wachen schliefen,
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Des Herrschers eigne Hand den Dolch entwandt;
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Schon traf die läss’gen Söldner das Gericht,
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Wie es sie traf, die Sage kündet’s nicht,
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Nur dieses sagt sie, daß an jenem Tag
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Ein schaudernd Schweigen über Bagdad lag,
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Und daß, als man den Hochverräther führte
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Zum Spruch, im Saal sich keine Wimper rührte,
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Und daß des Herrschers Blick, zum Grund gewandt,
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Die Blumen aus dem Teppich schier gebrannt.
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Am Throne stand ein Becher mit Scherbet,
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Den Gaumen des Kaliphen dörrten Gluthen,
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Er fühlte seine Menschlichkeit verbluten
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Am Dolche der bedrohten Majestät.
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Wer gibt ihm seiner Nächte Schlaf zurück?
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Wer seinen Muth zum Schaffen und zum Lieben,
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Wer das Vertrauen auf sein altes Glück?
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Das Alles stand in seinem Blick geschrieben.
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Der Frevler zittert, daß die Fessel klirrt;
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Als noch der Lohn ihm wässerte den Mund
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Ein kecker Fuchs, und jetzt ein feiger Hund,
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Würd’ er sich doppelten Verraths nicht schämen;
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Doch sieht er deutlich, Keiner will ihn nehmen
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Den Becher, daß er ihm zur Labe wird;
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Zähnknirschend schaut er zum Kaliphen auf,
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Die Wimper zuckt, es drängt ein Schrei sich auf,
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Und wie im Strauch die kranke Schlange pfeift,
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In einem schweren Krampf will er ersticken;
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O Allah, wird er sich dem Pfahl entrücken!
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Und stürmisch der Kaliph zum Becher greift,
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Gießt mit den eignen Händen den Scherbet
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Ihm in die Kehle, bis der Krampf vergeht.
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Die Farbe kehrt, er athmet schwer und tief,
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Das Auge, irr zuerst, dann fest und kühn,
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Läßt lange er auf dem Beherrscher glüh’n,
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Dann spricht er ernst: „lang lebe der Kaliph!
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Was er beschließt, das kommt von Allah’s Hand,
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Der will es nicht, daß er vom Zorn entflammt
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Zum Marterpfahle einen Gast verdammt,
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Dem seinen eignen Becher er gesandt.“
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Da wird Mutassin bleich vor innrer Qual,
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Zittern sah ihn sein Hof zum ersten Mal,
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Dann wie die Sonne ward sein Auge hell,
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Und hochgetragnen Hauptes rief er schnell:
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„lös’t ihm die Fesseln, er sei ungekränkt
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Und frei, ich habe ihm die Schuld geschenkt.“
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Und zu dem Thron trat der Vezir gebückt,
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Sprich, Fürst der Gläub’gen, was soll dann geschehen,
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Wenn er zum zweiten Mal den Dolch gezückt? —
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Mutassin spricht: das, was geschrieben ist
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Von Ewigkeit, ist Allah nur bekannt;
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Doch nicht im Buch des Lebens kann es stehen:
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„daß der Verbrecher keine Gnade fand,
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Den der Kaliph getränkt mit eigner Hand!“
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Ich schloß das Buch und dachte nach,
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An Türken, Christen, Mancherlei,
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Mir war ein wenig ernst und scheu,
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Als ich entschlüpfte dem Gemach.
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Wie schien der Blumen wilde Zier,
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Wie traulich mir das Himmelszelt —
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Und auf den Mittag hab’ ich mir
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Die Pferde an der Post bestellt! —