Gastrecht

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Annette von Droste-Hülshoff: Gastrecht (1860)

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Ich war in einem schönen Haus
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Und schien darin ein lieber Gast;
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Die Damen sah’n wie Musen fast,
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Sogar die Hunde geistreich aus.
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Die Luft, von Ambraduft bewegt,
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Schien aufgelös’te Phantasie,
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Und wenn ein Vorhang sich geregt,
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Dann war sein Flüstern Poesie.

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Zwar trat mir oft ein Schwindel nah,
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— Ich bin an Aether nicht gewöhnt, —
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Doch hat der Zauber mich versöhnt
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Und reiche Stunden lebt’ ich da.
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All was man sagte war so klar
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Und so vortrefflich durchgeführt,
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Daß ich mich habe ganz und gar
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Oft wie ein Erzkameel gespürt.

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Da traf es eines Tags, daß oft
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Man leis von einem Gaste sprach,
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Der längst geladen, hintennach
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Kam wie die Reue unverhofft.
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Wie ward zum Fenster ausgeschaut,
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Ein seltsam Lächeln im Gesicht;
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Ich hätte Häuser drauf gebaut,
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Der Gast sei ein Parnassuslicht.

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Und als er endlich angelangt,
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Stieß jeder, eh zum Gruß er lief,
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Erst einen Seufzer lang und tief,
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Beweis, wie das Entzücken bangt;
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Mein Bruder
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Schien mir ein schlichter Bursche nur:
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Sein Blick war frank und lebensfroh,
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Doch vom Erhabnen keine Spur.

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Drei Tage lebten wir so fort
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Zusammen wie im Paradies;
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Man sprach von Wurzeln und Radies,
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Doch auch manch klar und innig Wort.
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Des Fremden Auge hat so frisch
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Und freundlich wie ein Stern geblinkt,
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Und als er endlich schied nach Tisch,
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Da ward ihm lange nachgewinkt.

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Das hat gerührt mich und ergötzt,
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Nur war mir etwas wundersam
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Der Blick, mit dem sich die Madam
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Schnell an die Stickerei gesetzt;
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Der Zug am Mund, als Claudia
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Sacht an den Arm der Schwester griff,
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Und daß sich wandte der Papa
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Und blinzelnd auf dem Finger pfiff.

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Sie waren Leute sein und tief,
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Gar noble Leute allzumal;
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Schon sank die Dämmerung in’s Thal,
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Bevor ihr Argustakt entschlief,
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Und hier und dort ein Nadelstich,
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Und kecker denn ein Messerschnitt,
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Und dann die Sonde säuberlich
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In des Geschiednen Schwächen glitt.

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O sichre Hand, o fester Arm!
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O Sonde, leuchtend wie der Blitz!
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Ich lehnte an des Gastes Sitz,
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Und fühlte sacht ob er noch warm;
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Und an das Fenster trat ich dann,
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Nahm mir ein allbekanntes Buch,
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Und las, die Blicke ab und an
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Versendend in der Wolken Zug.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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