Das erste Gedicht

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Annette von Droste-Hülshoff: Das erste Gedicht (1860)

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Auf meiner Heimath Grunde
2
Da steht ein Zinnenbau,
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Schaut finster in die Runde
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Aus Wimpern schwer und grau.
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An seines Fensters Gittern
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Wimmert des Kauzes Schrei,
7
Und drüber siehst du wittern
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Den sonnentrunknen Weih.

9
Ein Wächter fest wie Klippen,
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Von keinem Sturm bewegt,
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Der in den harten Rippen
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Gar manche Kugel trägt;
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Ein Mahner auch, ein strenger,
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Deß Giebel, grün und feucht,
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Mit spitzem Hut und Fänger
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Des Hauses Geist besteigt.

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Und sieht ihn das Gesinde
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Am Fahnenschafte steh’n,
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Sich wirbelnd vor dem Winde
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Mit leisem Schreie dreh’n,
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Dann pocht im Schloßgemäuer
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Gewiß die Todtenuhr,
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Oder ein tückisch Feuer
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Frißt glimmend unter’m Flur.

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Wie hab’ ich ihn umstrichen
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Als Kind oft stundenlang,
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Bin heimlich dann geschlichen
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Den schwer verpönten Gang
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Hinauf die Wendelstiege,
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Die unter’m Tritte bog,
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Bis zu des Sturmes Wiege,
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Zum Hahnenbalken hoch.

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Und saß ich auf dem Balken
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Im Dämmerstrahle falb,
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Mich fühlend halb als Falken,
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Als Mauereule halb,
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Dann hab’ ich aus dem Brodem
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Den Geist citirt mit Muth,
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Ich, Hauch von seinem Odem,
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Und Blut von seinem Blut.

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Doch als nun immer tiefer
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Die Schlangenstiege sank,
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Als schiefer stets und schiefer
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Dräute die Stufenbank:
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Da klomm’ ich sonder Harren
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Hinan den Zinnenring,
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Und in des Daches Sparren
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Barg ich ein heimlich Ding.

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Das sollten Enkel finden,
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Wenn einst der Thurm zerbrach,
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Es sollte Etwas künden,
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Das mir am Herzen lag;
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Nun sinn’ ich oft vergebens,
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Was mich so aufgeregt,
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Was mit Gefahr des Lebens
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Ich in den Spalt gelegt.

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Vielleicht mit Glasopalen
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Ein Ring — ein Dockenkleid —
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Das herrlich sollte strahlen
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In die zukünft’ge Zeit;
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Denn daß es hell geflittert,
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Mir wie im Traume scheint,
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Und daß ich sehr gezittert
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Und bitterlich geweint.

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Mit einmal will mir’s tagen!
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Es war — ich irre nicht —
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In Goldpapier geschlagen
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Mein allererst Gedicht.
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Mein Lied vom Hähnchen, was ich
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So still gemacht, bei Seit’,
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Mich so geschämt und das ich
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Der Ewigkeit geweiht.

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Wolltest so hoch du fahren,
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Du thöricht Kind? Wer weiß?
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Vielleicht nach dreißig Jahren
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Treibt schwach dein Lorbeerreis.
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Du wirst noch schwer und blutig
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Durch manche Schule geh’n;
79
Und dann nicht halb so muthig
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Vor deiner Nachwelt steh’n.

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Zerfallen am Gewände
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Ist längst der Stiege Rund,
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Kaum liegt noch vom Gelände
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Ein morsches Brett am Grund;
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Und wenn die Balken knarren,
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Im Sturm die Fahne kreis’t,
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Dann gleitet an den Sparren
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Nicht mehr des Ahnen Geist.

89
Es schien ihm übel hausen
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In dieser Zeiten Lauf;
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Ich aber stehe draußen
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Und schau’ die Wand hinauf;
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Späh’ durch der Sonne Lodern,
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In welcher Ritze wohl
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Es einsam mag vermodern,
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Mein arm entthront Idol.

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Nie sorgt’ ein Falke schlechter
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Für seine erste Brut!
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Doch du, mein grauer Wächter,
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Nimm es in deine Hut;
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Und ist des Daches Schiene
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Hinfürder nicht zu trau’n,
103
So laß die fromme Biene
104
Dran ihre Zelle bau’n!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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