Der Abschied

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Annette von Droste-Hülshoff: Der Abschied (1860)

1
Das Abendroth war schon zerflossen,
2
Wir standen an des Weihers Rand,
3
Und ich hielt ihre Hand geschlossen
4
So fest in meiner kalten Hand:
5
So müssen wir denn morgen scheiden,
6
Das Schicksal würfelt mit uns beiden,
7
Wir sind wie herrenloses Land.

8
Von keines Hauses Pflicht gebunden,
9
Meint Jeder nur, wir seien grad
10
Für sein Bedürfniß nur erfunden,
11
In Noth das hülfbereite Rad.
12
Was hilft es uns, daß frei wir stehen,
13
Auf keines Menschen Hände sehen,
14
Man zeichnet täglich uns den Pfad.

15
Wo dicht die Bäume sich verzweigen,
16
Da zögert nicht des Wandrers Stab,
17
Wo tausend Nachbaräste neigen
18
Sich schützend um den Stamm herab;
19
Doch drüben sieh die einzle Linde,
20
Ein Jeder schreibt in ihre Rinde,
21
Und Jeder bricht ein Zweiglein ab.

22
O hätten wir nur Muth zu walten
23
Der Gaben, die das Glück bescheert!
24
Wer darf uns stören, darf uns halten,
25
Und wehren uns den eignen Heerd? —
26
Wir leiden nach dem alten Rechte,
27
Daß, der sich selber macht zum Knechte,
28
Ist nicht der goldnen Freiheit werth.

29
Zieh’ hin, wie du berufen worden,
30
In der Campagna Glut und Schweiß,
31
Und ich will steh’n in meinem Norden,
32
Zu siechen unter Schnee und Eis.
33
Nicht würdig sind wir bessrer Tage,
34
Und daß nur Keins dem Andern klage,
35
Schweige, wer nicht zu kämpfen weiß.

36
So ward an Weihers Rand gesprochen,
37
Im Zorne halb und halb in Pein;
38
Wir hätten gern den Stab gebrochen
39
Ob all den kleinen Tyrannei’n.
40
Und als die Regenwolken stiegen,
41
Da sprachen erst wir mit Vergnügen
42
Uns in den Aerger recht hinein.

43
So lang die Tropfen einzeln fielen,
44
War’s Stoff ja nur für unsern Trutz,
45
So recht als von des Schicksals Spielen
46
Zum Schaden uns und keinem Nutz.
47
Doch als der Himmel Schloßen streute,
48
Da machten wir’s wie andre Leute
49
Und suchten auf der Linde Schutz.

50
Hier stand ein Häuflein dicht beisammen,
51
Sich schauernd unter’m Blätterdach;
52
Die Wolke zuckte Schwefelflammen
53
Und jagte Regengüsse nach.
54
Wir hörten’s auf den Blättern rauschen
55
Und konnten ganz behaglich lauschen
56
Aus unserm laubigen Gemach.

57
Fürwahr, ein armes Völklein war es,
58
Das hier dem Wettersturm entrann,
59
Ein dürrer Jud gebleichten Haares,
60
Mit seinem Hund ein blinder Mann,
61
Des Frohners Weib mit blonden Löckchen,
62
Und dann mit seinem alten Röckchen
63
Der kleine hinkende Johann.

64
Und alle sah’n bei jedem Blitze
65
Vertrauend an den Stamm hinauf,
66
Behaglich rückend sich im Sitze
67
Und drängten lächelnd sich zu Hauf;
68
Denn wie gewalt’ger schlug der Regen,
69
So breiter warf dem Sturm entgegen
70
Der Baum die grünen Schirme auf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.