Der Mittelpunkt der Welt

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Mittelpunkt der Welt (1860)

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Jüngst hast die Phrase scherzend du gestellt:
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„wer Reichthum, Liebe will und Glück erlangen,
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Der mache sich zum Mittelpunkt der Welt,
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Zum Kreise, drin sich alle Strahlen fangen.“
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Dein Wort, mein Freund, war wie des Tempels Thür,
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Die Inschrift draußen und das Volksgedränge,
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Doch durch die Spalten blinkt der Lampen Zier,
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Zieh’n Opferduft und heilige Gesänge.

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Wo könnte jemals wohl des Glückes Born
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Aus anderm als aus eignem Herzen fließen?
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Aus welcher Schaale wohl des Himmels Zorn
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Als aus der selbstgebotnen sich ergießen?
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O glücklich sein, geliebt und glücklich sein!
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Möge mein Engel mir die Pfade deuten!
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Da schrillt des Tempels Vorhang, zart und rein
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Hör’ ich’s, wie Echo durch die Falten gleiten.

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Standest an einem Krankenbett du je,
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Nach wochenlangen selbstvergessnen Sorgen?
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Hobst deine schweren Wimper in die Höh’,
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Gerührt zum heißen Dankgebet am Morgen,
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Und sah’st auf des Genesenden Gesicht
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Ein neuerwachtes Seelenleben schweben,
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Und einen Liebesblick auf dich, wie nicht
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Ihn Freund und nicht Geliebte können geben:

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Hieltest du je den Griffel in der Hand
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Und rechnetest mit frohem Geiz zusammen
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Die Groschen, die du selber dir entwandt;
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Schien jeder Heller dir wie Gold zu flammen,
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Des Preises für den fremden Sorgenpfühl,
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Um den du deine Freuden schlau betrogen,
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Und hast in deines Reichthums Vollgefühl
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Tief, tief den Odem in die Brust gesogen:

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Und der Moment, wo eine Rechte schwimmt
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Ob theurem Haupte mit bewegtem Segen,
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Wo sie das Herz vom eignen Herzen nimmt,
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Um weinend an das fremde es zu legen,
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Hast du ihn je erlebt? und standest dann,
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Die Arme still und freundlich umgeschlagen,
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Selig berechnend, welche Früchte kann,
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Wie liebliche das neue Bündniß tragen:

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Dann bist du glücklich, bist geliebt und reich,
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Ein Dach, an dem sich alle Blitze spalten;
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Dann mag dein Lorbeer welken, mögen bleich
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Krankheit und Alter dir die Stirne falten:
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Dann bist der Mittelpunkt du deiner Welt,
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Der Kreis, aus dem dir freud’ge Strahlen quillen,
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Und was so frisch der Bäche Ufer schwellt,
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Wie sollte seinen Born es nicht erfüllen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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